Unter die Haut

„Staub auf unseren Herzen“ von Hanna Doose ist in vielerlei Hinsicht ein besonderer Film: Zum einen handelt es sich um das mutige Spielfilmdebüt einer erst 33 Jahre jungen dffb-Absolventin, das unter anderem den First Step Award erhielt. Zum anderen konnte das Regietalent Doose, die John Cassavetes als ihr großes Vorbild nennt, Susanne Lothar unentgeltlich für eine der Hauptrollen gewinnen: Es sollte ihre letzte Rolle werden. Wenige Tage nach der Premiere verstarb die Ausnahmeschauspielerin unter Umständen, die bis heute von ihrer Familie geheim gehalten werden.


Man könnte es so sagen: Thirtysomething Doose stand zu Beginn ihres Projektes vor einer vergleichbaren Ausgangssituation wie ihre Hauptfigur Kathi: Nachdem Doose erfahren hatte, dass ein Drehbuch an dem sie über zwei Jahre gearbeitet hatte, doch erst einmal nicht realisiert würde, spürte sie, dass es Zeit wurde zu springen, noch mehr zu wagen. Sie verfasste ein 20-seitiges Treatment über eine schwierige Mutter-Tochter Beziehung, schickte es ihrer Freundin Stephanie Stremler, die man aus Andreas Veiels halbdokumentarischen Film „Die Spielwütigen“ kennt, und an Susanne Lothar – die Hanna Doose bereits beim Schreiben als tyrannische Mutter vor Augen hatte. Die Schauspielerin, die schon in herausragenden Filmen wie „Das weiße Band“ und „Funny Games“ von Michael Haneke brillierte, sagte bei dem Low-Budget-Projekt überraschend zu, weil sie sich schon immer gewünscht hatte, noch freier zu arbeiten.

Die alleinerziehende Mutter und erfolglose Schauspielerin Kathi (Stremler) muss im Film lernen, ihren eigenen Weg zu gehen. Die 30-Jährige ist von ihrer übergriffigen Mutter Chris, einer Therapeutin, emotional und finanziell abhängig. Rasch ziehen die von einer wackligen Handkamera aufgezeichneten Szenen den Zuschauer in das von starren Verhaltensmustern geprägte Geschehen innerhalb der Familie. Die frei improvisierten Dialoge der erstaunlich stilsicheren Regisseurin bewirken, dass der Wiedererkennungswert sehr hoch ist.


Man schaut fassungslos der jungen Frau dabei zu, wie sie sich von Casting zu Casting schleppt, wobei auch hier Kathi ihre kindliche Naivität und ihre für den Zuschauer oftmals kaum auszuhaltende Schwerfälligkeit im Weg steht. Ihre unerträglich bedächtig-monotone Stimme mutet wie eine Gegenbewegung zu den schlagfertigen und demütigenden Sätzen ihrer Mutter an. Hier fügt sich die ebenfalls kaum genießbare Antifolk-Filmmusik der Berliner Gruppe „Beton“ nahtlos ein.

Die schwache Kathi ist nahezu hilflos gefangen im Netz ihrer Übermutter, die nach lang zurückliegender Trennung von dem nichtsnutzigen Vater ihrer Kinder (Michael Kind) diese nur noch enger an sich gebunden hat. Aus diesem Kontrollzwang heraus hat sie ihrer Tochter auch die Berliner Altbauwohnung unter ihr gekauft – dem Zuschauer, dem dieses unsichere, aber grundehrliche Menschenkind rasch ans Herz wächst, stockt der Atem bei dem Gedanken, dass Kathi dort wirklich bald einziehen wird.Doch glücklicherweise kommt es anders als befürchtet: Kathis Vater taucht urplötzlich wieder auf, um sich mit seiner verbitterten Exfrau zu versöhnen und wirbelt einiges durcheinander. Als die perfide Therapeutin dann noch ihrer Tochter den vierjährigen Sohn Lenni entzieht, weil Kathi sich angeblich nicht richtig um ihn kümmern kann, eskaliert der lang schwelende Konflikt. Bei einem Scrabblespiel kommt es zu einer authentischen Prügelszene zwischen Mutter und Tochter. Auslöser ist ausgerechnet das Wort „Banane“.

Wenn schließlich der Vorhang fällt, hat auch der Zuschauer einen mühsamen Abnabelungsprozess von der sich unter die Haut schauspielernden Susanne Lothar hinter sich gebracht.

Text: Gabriele Summen / Fotos: Movienet / Markus Zucker
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: überzeugend
Genre: Drama
Freigabealter: 0
Verleih: Movienet
Laufzeit: 90 Min.