„Tut das weh?“

Unterdrückung, kaum Liebe und der Krieg sind drei große Themen. Und doch werden sie alle ausführlich behandelt in der Romanverfilmung „Stein der Geduld“. Atiq Rahimi schafft einen Mikrokosmos in einem Haus in Afghanistan, wo er ganz und gar nicht geschützt vor dem Draußen seine Hauptdarstellerin Golshifteh Farahani erzählen lässt. Und zwar aus seinem eigenen Buch.

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Sie kann nichts tun für ihren Mann (Hamid Djavadan), der reglos vor ihr liegt, außer beten und ihn mit einer Zuckerlösung versorgen. Er hat eine Kugel im Kopf und ist nicht aus dem Koma wieder erwacht, wie man ihr versprochen hatte. Der Krieg lässt sich davon nicht unterbrechen. „Hör auf zu atmen“ bittet sie ihn, doch auch dieser Wunsch bleibt unerhört. Sie spricht ihm gut zu, wird schließlich wütend und zynisch, denn sie ist alleine mit zwei Kindern. „Tut das weh?“ fragt sie ihn und drückt auf das Einschussloch. Doch sie weiß, ihr Mann spürt nie Kummer und Schmerz.

Die Frau (Golshifteh Farahani) benutzt ihren Mann (Hamid Djavadan) als Klagemauer. Und erträgt dadurch ihr Schicksal.

 

Da beginnt sie, unterbrochen von Raketenangriffen, ihrem Mann von ihren Gedanken zu erzählen. Zunächst spielt das unmittelbar Erlebte eine Rolle, der Krieg, dann jedoch rückt das Private in den Vordergrund. Aus dem mutigen Experiment, das gegen geltende Regeln verstößt, wird eine Gewohnheit, die ihr guttut.

Ihr Los ist grausam. Die Frau ohne Namen (Golshifteh Farahani) versucht mit ihren beiden Kindern im immerwährenden Krieg zu überleben.

 

Die Frau, die keinen Namen bekommt, redet zum ersten Mal offen mit ihrem Mann, ehrlicher als sie es in zehn Jahren Ehe konnte. Soldaten kreuzen ihren Weg, bedrohen die schutzlose Frau. Sie hält sie sich mit Intelligenz vom Leib und wird doch bald eingeholt von ihren Ausflüchten. Manchmal, wenn sie sich in einem langen Monolog wiederfindet, der viel mehr enthüllt als sie es wollte, erschrickt sie vor sich selbst. Und braucht wieder Zuspruch von ihrer Tante (Hassina Burgan), die sich über Gesetz und Konvention hinwegsetzt.

Der junge Soldat (Massi Mowrat) besucht die Frau - und die Situation entwickelt sich anders, als man sich das ausmalen konnte.

 

Sowohl die Erzählungen als auch die Erlebnisse mit einem Soldaten (Massi Mowrat) werden immer intensiver, gleichwohl man sich keine Steigerung vorstellen konnte. Denn jeder Augenblick beinhaltete genug Intensität. Der französisch-afghanische Autor und Regisseur Atiq Rahimi wählt als Kontrast zur inhaltlichen Aufregung eine besonnene Bildsprache und findet in Farahani eine fabelhafte Interpretin, deren Können bei „Huhn mit Pflaumen“ zwar bereits auffiel, jedoch ins Leere lief.

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Hier jedoch findet sie ihre Rolle, mit der sie in die Geschichtsbücher eingeht. Ins Märchenhafte verfällt die Erzählung jedoch nicht. In das bescheiden inszenierte Kammerspiel bricht immer wieder die Gegenwart, die Realität, die jeden Moment den Tod bringen kann. Doch verzweifelt ist diese Frau am Ende nicht mehr. Wer nicht weiß, warum, hat einen faszinierenden Film verpasst, der einen an Plätze bringt, an die man gar nicht wollte.

Text: Claudia Nitsche / Fotos: Rapid Eye Movies
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: Meisterwerk
Originaltitel: Syngué Sabour
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Rapid Eye Movies
Laufzeit: 103 Min.