Schmerz, Wut und Trauer

Dreieinhalb Männer, eine Frau, den Tango und das Gefängnis: Was will man mehr für einen richtig guten Sommerfilm? Zwar ist „Tango Libre“ kein typischer Tangofilm, wie der Titel suggerieren mag, aber er hat den Rhythmus des Tangos und spielt über weite Strecken mit dem Schmerz, der Leidenschaft und der Eifersucht, die den Tango prägen. Und an einigen seiner schönsten Stellen huldigt dieser Knastfilm dann auch den Schritten und Posen des Tangos selbst – sei es bei der schüchternen Tanzstunden-Paarung, sei es bei der kraftstrotzenden Macho-Formation, die zum Symbol einer Gefangenenrevolte wird.

Szene mit Anne Paulicevich und Zacharie Chasseriaud.
Der Zeitlupenvorspann macht es klar: Da sind zwei ins Gefängnis gekommen, sie wurden nach einem Raubüberfall zu zehn und gar 20 Jahren Haft verurteilt. Nun sitzen sie zusammen in einer Zelle und warten immer wieder auf den wöchentlichen Damenbesuch. Den erkämpft sich Alice, die Frau zwischen den beiden Männern, bei den Gefängniswärtern hart. Die Besuche im Begegnungszimmer, wo man sich auch mal körperlich berühren kann, sind die Highlights im Knastalltag.

Anfänglich sieht man Alice, von der fantastischen Anne Paulicevich gespielt (einer ausgebildeten Tänzerin, die auch das Drehbuch mitschrieb), nur vor der Trennscheibe sprechen. Doch dann, beim nächsten Mal, gibt es eine orgiastische Abfolge von Großaufnahmen und Schnitten. Die Kamera wechselt von Besuchstisch zu Besuchstisch, von Alice zu „ihren“ beiden Häftlingen, die der Zuschauer erst nach und nach kennenlernt. Ein Spiel mit Identitäten und Beziehungen beginnt – davon lebt der Film, der allmählich die scharfe Trennung von innen und außen, von Freiheit und Gefängnis, auch mithilfe des Tangos aufzulösen beginnt.

Aber der Reihe nach: Jean-Christophe (François Damiens), hier stets nur „JC“ genannt, ist ein Gefängnisaufseher, der die Regeln eisern beachtet. Die Kommandos der Vorgesetzten lassen da auch gar keine andere Chance. Aus dieser tristen Welt, aber auch aus seiner inneren Verschlossenheit, versucht JC, der in der Freizeit nur mit seinem Goldfisch spricht, mittels eines Tangokurses zu entfliehen. Dort wird ihm eines Abends ausgerechnet Alice als neue Partnerin zugewiesen. Alice setzt JCs Herz in Flammen – auch mit ihren Tangoschritten.

Szene mit François Damiens und Anne Paulicevich.
Bald muss JC allerdings erfahren, dass Alice mit einem der Gefängnisinsassen, dem heißblütigen Spanier Fernand (Sergi López) verheiratet ist, den sie mit ihrem 15-jährigen Sohn Antonio (Zacharie Chasseriaud) regelmäßig besucht. Aber auch Dominic, ihr Freund und Liebhaber (Jan Hammenecker), ein Flame, ist noch mit im Spiel. Alles sieht nach einer Familie aus, die zwei Väter hat. Und wie beim Tango werden die beiden von Alice schwindlig gespielt, während der Sohn aus Verzweiflung schon mal zu der daheim gefundenen Pistole greift …

Depression und Aufmüpfigkeit bestimmen den Fortgang des Geschehens. Während Liebhaber Dominic in Trübsinn ob des endlosen Eingesperrtseins verfällt, will Fernand Tango lernen, um es JC zu zeigen. Ein schöner Moment, wenn er im Gefängnis nach argentinischen Tangokennern sucht und ausgerechnet von einem Miterfinder des Tango Nuevo, Mariano Frúmboli, den abschlägigen Bescheid bekommt: „Ich bin der einzige Argentinier, der nicht Tango tanzt.“ Aber es dauert dann nicht lange, bis man eine Orgie des wahren Tangos, des Hahnenkampfes unter Männern, vollführt.

Auch, wenn der Schluss des Films ein wenig an den Haaren herbeigezogen erscheint, ist dem Belgier Frédéric Fonteyne über weite Strecken ein kleines Meisterwerk gelungen – die rauen, schmutzigen Interieurs tragen dazu ebenso bei wie der rasante Schnitt von Erwin Ryckaert und die Kamera von Virginie Saint Martin mit ihrem sicheren Zugriff, der jede Süßlichkeit vermeidet. Deutsche Zuschauer aber schmelzen spätestens dahin, wenn ausgerechnet Rudi Schurickes Tangoschnulze „Gönn mir ein Lächäln, Mariiha“ beim Tanzkurs erklingt. Eben genau so tragikomisch, wie vom Regisseur des Films gewünscht, der bei der Venedig-Nebenreihe „Horizonte“ 2012 den Spezialpreis der Jury gewann.

Text: Wilfried Geldner / Fotos: Movienet
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: ausgezeichnet
Genre: Drama
Freigabealter: 6
Verleih: Movienet
Laufzeit: 98 Min.