Arme Würstchen

Los Angeles in diesem Jahrtausend: Der Nachwuchs der Oberschicht ist gelangweilt. Probleme (im herkömmlichen Sinne) haben die Kids nicht, aber ein paar Obsessionen. Schuhe, Handtaschen, Klamotten. In „The Bling Ring“ werden Luxusmarken aufgezählt, von denen man nie gehört hat, leisten kann man sie sich eh nicht. Aber man muss sie unbedingt besitzen: Also steigt eine Gang aus vier Mädchen und einem Jungen regelmäßig dort ein, wo der Luxus wohnt: bei den Stars und Sternchen in Hollywood. Sofia Coppola („Lost in Translation“, „Somewhere“) beobachtet sie dabei und zeichnet ein fieberhaftes Porträt einer enthemmten Generation, die Oberflächlichkeiten zum Lebenszweck erklärt.

Szene mit Israel Broussard, Claire Julien und Katie Chang.
Der Punkt ist: Diese Jugend mag spinnen, sie ist aber auch nur ein Produkt ihrer Zeit, in der es Promi-Klatsch, Glamour-Girls und Luxus-Klamotten irgendwie ganz nach oben auf die Relevanz-Liste geschafft haben. Wir sind gierig und neidisch. Oberflächlich und vulgär. Hedonistisch und egozentrisch.

Man könnte „The Bling Ring“ vorwerfen, sich im Kreis zu drehen, weil Coppola, die im Anwesen von Paris Hilton drehen durfte, immer wieder das gleiche zeigt: Rebecca (Katie Chang) und Mark (Israel Broussard) recherchieren ein bisschen im Netz, welcher Star gerade nicht zu Hause ist, suchen auf Google Maps die Adressen und fahren mit ihren Freunden (Emma Watson, Claire Julien, Taissa Farmiga) hin. Sie durchwühlen die Schubladen, planschen ein wenig im Pool oder hängen in Paris Hiltons Disko-Zimmer ab. Dann brettern sie in einem geklauten Auto und mit einem Kofferraum voller Statussysmbole durch die Nacht. Oder fuchteln wild mit einer gefunden Pistole rum. Das ist ihre persönliche Vorstellung von Freiheit. Und im Nachtclub kann man dann auch schön prahlen.

Wer nicht mitmacht, der wird ignoriert, abgeschoben an den Rand der Wahrnehmung und sich selbst überlassen. Diese Kids sind unsere Kids, diese Kids sind wir. Wer sie verteufelt, wer sich des nachvollziehbaren Reflexes, Ohrfeigen verteilen zu wollen, nicht erwehren kann, der muss sich selbst maßregeln. Oder einfach mal den Sender wechseln, die Perspektive verschieben, die Prioritäten neu ordnen.

Szene mit Emma Watson.
Sofia Coppola mag auf den ersten Blick weniger Akribie als in ihren früheren Filmen an den Tag legen: Sie beobachtet in einer rhythmisch ineinander geschnittenen Collage mit pulsierendem Soundtrack einfach nur und verweigert sich einer tieferen Betrachtung der Figuren und ihrer Motive. Weil da wahrscheinlich gar nichts Tiefes ist. Aber Coppola hat ein Auge für die Befindlichkeiten der Jugend und hält ihr den Spiegel vor.

Eine Moral von der Geschichte gibt es nicht. Das ist umso erschreckender, als dass sie auf einem wahren Fall beruht: Coppola zeigt den Zeitgeist, und man möchte kotzen. Aufgeflogen ist der „Bling Ring“ einst, weil den Freunden das Sendungsbewusstsein, die Aufschneider-Posts auf Facebook, die Angeberei zum Verhängnis wurden. Dann zeigte sich, was sie eigentlich für arme Würstchen sind: Die glänzenden Trophäen aus den Häusern ihrer Idole wurden von der Polizei zu Beweisstücken degradiert, während sich die Freunde gegenseitig anschwärzten und die Schuld bei den anderen suchten. Wo sonst.

Text: Andreas Fischer / Fotos: Tobis
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: überzeugend
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Tobis
Laufzeit: 91 Min.