Schöner leiden

Der Film werde „vielleicht Ihr Herz“ brechen, wird im Presseheft zu „The Broken Circle“ gewarnt – und das zu Recht: Es tut wirklich in der Seele weh, mitanzusehen, wie den zwei grundsympathischen Hauptfiguren des belgisch-niederländischen Dramas ihre überschäumende Lebensfreude geraubt wird. Warum aber sollte der Kinogänger diesen Schmerz freiwillig in Kauf nehmen? Und warum wählten die Besucher der diesjährigen Berlinale den traurigen Film gar zum Gewinner des Panorama Publikumspreises? Weil „The Broken Circle“ bei aller Tragik eben auch voller Leidenschaft steckt – für die Liebe, das Leben, ungewöhnliche Charaktere und vor allem die Musik.

Szene mit Nell Cattrysse
„Wenn es dir schlecht geht, dann mach die Augen zu und denk’ an was Schönes“, rät Elise (Veerle Baetens) ihrer kleinen Tochter Maybelle (Nell Cattrysse), der von der Chemotherapie schon die Haare ausfallen. Und auch sie folgt ihrem eigenen Rat: Die temperamentvolle Tätowiererin erinnert sich zurück an die Anfänge ihrer Beziehung mit dem Banjospieler Didier (Johan Heldenbergh). An die Zeit, als er ihr von seiner Begeisterung für Amerika erzählte und ihre Liebe zur Country-Musik weckte und sie ihm im Gegenzug all ihre Tattoos zeigte und sein Cowgirl wurde. Als sie noch nicht um das Leben ihres geliebten Kindes bangen mussten.

Scheinbar wahllos reiht Regisseur Felix Van Groeningen („Die Beschissenheit der Dinge“) Bruchstücke aus der bewegenden Geschichte von Elise und Didier aneinander: Mal greift er vor, mal blickt er zurück, mal greift er noch weiter vor, so als lese er aus einem Buch, dessen kurze Kapitel in der falschen Reihenfolge gebunden wurden. Ein Blick in die ausdrucksstarken Augen von Veerle Baetens reicht in der Regel zur Orientierung zwischen den Zeitebenen: Je stärker sie vor Freude funkeln, desto weiter liegt der Moment in der Vergangenheit.

Szene mit Johan Heldenbergh und Veerle Baetens
Van Groeningen kann es sich erlauben, mit kurzen Einschüben anzudeuten, in welche Richtung sich die Handlung entwickeln wird. Denn die beiden Hauptcharaktere, die Darsteller Johan Heldenbergh zusammen mit Theaterkollegin Mieke Dobbels für ein Theaterstück erdachte, stecken so voller Leben, Emotionen und Ideen, dass man mit ihnen einfach nur den Augenblick genießen oder durchleiden kann, ohne schon über den darauffolgenden nachzudenken.

Die Bluegrass-Musik, die die beiden Liebenden verbindet, hat daran natürlich keinen unwesentlichen Anteil: Sie untermalt nicht nur, sondern wird von Van Groeningen geschickt als erzählerisches Mittel eingebunden. Kein Dialog verrät so viel über den Zustand ihrer Beziehung wie das Verhalten von Didier und Elise bei den Bühnenauftritten ihrer Bluegrass-Band. Kein Wort von Didier könnten so traurig klingen wie die gezupfte Banjo-Weise, die in Momenten größter Anspannung seine Szenen bestimmt, und kein Lachen von Elise so fröhlich wie ein ausgelassenes Fideln und ein gejauchztes „Yeehaw“ im Hintergrund. Die Musik ist mit dem Schicksal von Didier und Elise so eng verknüpft, dass man sie einfach mit ins Herz schließen muss. Wie ironisch, dass eine so nachhaltige Werbung für diese uramerikanische Strömung der Countrymusik ausgerechnet aus Belgien stammt.

Text: Annekatrin Liebisch / Fotos: Pandora
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: The Broken Circle Breakdown
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Pandora
Laufzeit: 112 Min.