Nachfühlen, nicht nachvollziehen

Schwiegermama knows best: „Hüte dich vor der Leidenschaft“, mahnt die alte Dame (Barbara Jefford). Leidenschaft führe immer zu etwas Hässlichem. Die frustrierte Hausfrau Hester (Rachel Weisz) hütet sich nicht. Im Gegenteil, sie wirft sich mit Verve in eine Affäre. Und das führt geradewegs zu einem Selbstmordversuch. Aber wirklich hässlich ist nicht einmal der in Terence Davies’ Theateradaption „The Deep Blue Sea“. Gemeinsam mit seinem Kameramann Florian Hoffmeister füllt der Regisseur in seinem Fifties-Film die Leinwand mit wunderschönen Tableaus, macht selbst aus dem Rauch, der Hesters Zigarette entströmt, ein kleines Spektakel. Doch alle visuellen Spielereien nützten wenig, brächten die Schauspieler keine Höchstleistungen. Sie erst machen aus der etwas steifen Stilübung ein bewegendes Melodram.


Mit der Zeit nimmt Davies es nicht ganz genau. „Um 1950“ spielt „The Deep Blue Sea“, die vage Angabe muss reichen und tut es. Auch innerhalb des Films springt der Regisseur immer wieder zwischen den Zeitebenen hin und her. Die Haupthandlung jedenfalls erstreckt sich über weniger als 24 Stunden: Hester will sterben. Rückt den Abschiedsbrief ein letztes Mal zurecht, stopft Handtücher unter die Türschwelle, füttert die Gasuhr mit Münzen und dreht den Hahn auf. Gerade noch rechtzeitig bemerkt ihre Vermieterin (Ann Mitchell) den Geruch und holt Hilfe. Als Hesters Geliebter Freddie (Tom Hiddleston), der das Wochenende beim Golfen verbracht hat, von der Sache erfährt, reagiert er allerdings keineswegs besorgt, sondern geradezu bösartig.

Kein Wunder: Die leidenschaftliche Liebe, mit der die kultivierte Dame ihn überschüttet, war dem jüngeren Mann noch nie geheuer. Der einstige Pilot der Royal Air Force mit seinem strahlenden Lächeln und einem deutlichen Hang zum Alkohol ist auch nach dem Triumph über Hitlerdeutschland irgendwie im Krieg hängengeblieben. Liebe ist kein Gefühl, das er nachvollziehen kann. Anders Hesters Ehemann William (Simon Russell Beale): Der in Gefühlsdingen eher unbeholfene Richter war ihr stets aufrichtig zugeneigt – nur wusste er eben nicht so recht, was er mit ihr anfangen sollte. Davies gewährt in kurzen Rückblenden einen Einblick in die Entwicklung der melancholischen Dreiecksgeschichte – „Tragödie ist ein zu großes Wort“, wie Hester selbst bilanziert – und erzählt dabei längst nicht alles, aber genug.


Dass die nicht immer klare Chronologie nicht weiter auffällt, liegt vor allem am Schauspielertrio aus Beale, Hiddleston und Weisz, dem man gerne zuschaut, ganz gleich, wann sie gerade sind. Die Herren machen ihre Sache sehr gut: Beale als bedröppelter Ehemann, der selbst angesichts der Affäre seiner Frau vor allem helfen will, und Hiddleston als labiler Taugenichts, der im entscheidenden Moment doch noch Verantwortungsgefühl beweist. Die beiden aber werden so gut wie in jeder Szene noch überstrahlt von Rachel Weisz als Hester. Unter ihrer kühlen Fassade brodelt es beständig; da ist einfach mehr Gefühl, als in diesen schlanken Körper passt. Sie liebt ihn, er liebt sie nicht, sie weiß es, es ist ihr egal, sie gibt sich hin, lässt sich demütigen – Weisz gelingt das Kunststück, dass man all das zwar nicht unbedingt nachvollziehen, aber doch nachfühlen kann.

Mit allzu vielen Zuschauern kann das Kammerspiel aus dem bürgerlichen Nachkriegsengland auch hierzulande wohl kaum rechnen. Umso schöner, dass sich Weisz (derzeit mit „Das Bourne Vermächtnis“ im Kino) und Hiddleston (derzeit mit „The Avengers“ im DVD-Regal) neben ihren Blockbuster-Auftritten die Zeit dafür nahmen. Zeit und Geduld muss auch der Zuschauer angesichts Davies’ bedächtiger Erzählweise mitbringen. Wer aber ein wenig Durchhaltevermögen beweist, den ziehen sie mit ihren Darstellungen früher oder später mit sich in die blauen Tiefen.

Text: Sabine Metzger / Fotos: Kinostar
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: The Deep Blue Sea
Genre: Drama
Freigabealter: 0
Verleih: Kinostar
Laufzeit: 101 Min.