Die Geschichte des Seehundmanns

Basierend auf einer wahren Begebenheit, erzählt der isländische Regisseur Baltasar Kormákur mit dem Drama „The Deep“ ohne jegliche Effekthascherei die beeindruckende Charakterstudie eines Schiffbrüchigen, die anders als ein aufgemotztes Helden-Epos lange in Erinnerung bleiben wird.

Szene mit Ólafur Darri Ólafsson.
Bei Filmen über Schiffsdramen denkt der Kinobesucher schnell an Materialschlachten wie in „Titanic“ oder an monströse Wellenberge wie in Wolfgang Petersens „Der Sturm“. Das isländische Drama „The Deep“ von Baltasar Kormákur ist keines von beiden – und das ist gut so. Weder nutzt der Regisseur Technik und Trickeffekte, um den Untergang eines kleinen Fischkutters in den eisigen Gewässern vor Island möglichst dramatisch in Szene zu setzen. Noch braucht er einen gut aussehenden Helden oder eine übertriebene Darstellung der Macht der Natur, um ein Drama zu schaffen, das im wahrsten Sinne des Wortes Gänsehaut erzeugt.

„The Deep“ basiert auf einer wahren Begebenheit und erzählt den Fall eines Fischers, der als Seehundmann bekannt wurde. Als einziger Überlebender eines Schiffsunglücks trieb er im Winter 1984 sechs Stunden lang im eiskalten Wasser des Atlantiks. Fischer Gulli (Ólafur Darri Ólafsson) rettete sich schließlich an die schroffe, schneebedeckte Küste seiner Heimatinsel. Dass er überlebte, gilt im Film wie auch in der tatsächlichen Vergangenheit als ein medizinisches Wunder.

Kormákur hätte mit Gullis Überlebenskampf im eisigen Meerwasser und später an Land, als der Gestrandete barfuß und nur mit leichtem Hemd und Hose bekleidet durch die isländische Winterkälte torkelt, ein übermenschliches Helden-Epos zeichnen können. Inspiriert von einem Theaterstück, das den Seehundmann zuvor bereits thematisierte, gelingt dem Regisseur aber vielmehr eine beeindruckende Charakterstudie.

Szene mit Ólafur Darri Ólafsson.
Held Gulli erinnert in keinster Weise etwa an einen George Clooney oder eine Leonardo DiCaprio. Im Gegenteil: Er ist füllig und versprüht zunächst nur derben Seemanns-Charme. Als nach dem Untergang des Fischkutters ein Crew-Mitglied nach dem nächsten im eisigen Wasser versinkt, taucht er ihnen nicht heldenhaft nach. Er rettet sich lieber selbst auf den Kiel des sinkenden Bootes. Allein und nicht beachtet von vorbeiziehenden Schiffen gelobt Gulli vor Gott Besserung, sollte er doch gerettet werden.

Gulli wird so zu einem Antihelden für Jedermann, der im Anschluss an seine Rettung Zweifel der Hinterbliebenen und medizinische Untersuchungen mit stoischer Ruhe über sich ergehen lässt. Durch seine unglaubliche Rettung findet der melancholische Zeitgenosse schließlich zu sich selbst. Gulli schließt seinen Frieden, den sonst nicht alle für sich finden. Auch nicht im richtigen Leben.

Text: Andreas Schöttl / Fotos: MFA+ FilmDistribution e.K.
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: ausgezeichnet
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: MFA
Laufzeit: 96 Min.