Das Gesetz sind wir

Flüchtige Zornesaufwallung ist eben etwas ganz anderes als kühl und detailliert geplante Vergeltung. Manch einer mag sich wünschen, dass die Verursacher einer Ölpest den schwarzen Schlick einmal in der eigenen Villa haben oder den Herstellern schädlicher Antibiotika das eigene Medikament in Sektgläsern gereicht wird. Die Öko-Aktivisten von „The East“ belassen es im gleichnamigen US-Politthriller nicht bei solchen Rachefantasien – sie setzen sie um. Zur Bestürzung einer Undercoveragentin mit dem Decknamen Sarah (Brit Marling) scheren sie sich nicht um Menschenleben. Sarahs Herausforderung ist, dass ihre Arbeitgeber dies genauso wenig tun, außer wenn die Kasse dabei klingelt.

Szene mit Shiloh Fernandez und Brit Marling.
Wie die junge Angestellte der privaten Sicherheitsfirma „Hiller Brood“ an alten und neuen Überzeugungen irre wird, während sie eine Terror-Organisation im Milieu von Alternativen und Aussteigern ausspäht, will „The East“ zeigen. In ihrer dritten Zusammenarbeit nach „Sound Of My Voice“ und dem international hoch gelobten „Another Earth“ reizen Regisseur Zal Batmanglij und Hauptdarstellerin, Drehbuchautorin und Mitproduzentin Brit Marling zunächst exzellent das Eintauchen in eine fremde Welt aus.

Während ihr Freund sie auf Geschäftsreise im Ausland wähnt, verwandelt sich Sarah in eine Herumtreiberin mit Geheim-Handy im Turnschuh. Als vermeintlich entwurzelte junge Frau erschleicht sie sich das Vertrauen von Zufallsbekanntschaft Luca (Shiloh Fernandez), der sie zum harten Kern von „The East“ in einem verfallenen Haus tief in den Wäldern Louisianas führt. Sarah verliebt sich in das solidarische, einfache Leben der Gruppe und in deren Anführer Benji (Alexander Skarsgård, aktuell auch in „Das Glück der großen Dinge“ zu sehen). Obwohl dessen rechte Hand Izzy (Ellen Page) ihr misstraut, wird Sarah bald zu einem Anschlag mitgenommen.

Womit die Probleme von „The East“ beginnen: Die bedächtig entfaltete, pointiert visualisierte Idee eines selbstbestimmten Daseins steht nicht nur mit dem nun einsetzenden Stakkato von Suspense und Action harsch in Kontrast. Der Übergang ist auch von den Charakteren kaum gedeckt. Benjis Motive für den Guerilla-Krieg klingen nach Allgemeinplatz, die von Izzy nach Familientherapie. Sarah schließlich hat zwar eine eindringlich zum Ausdruck gebrachte Sehnsucht nach spiritueller Geborgenheit, aber gleichzeitig innere moralische Festigkeit jenseits von Anarchie oder Firmenloyalität. Ihr Bemühen, auf Benjis Verhalten einzuwirken, ist erklärlich; nicht aber, warum sie je bei Hiller Brood angeheuert hat.

Szene mit Patricia Clarkson und Brit Marling.
Dass Sarah nicht wirklich schwankt, ist die große Schwäche des Films, treibt aber auch dessen heimliche Stärke hervor. Denn vor Sarahs Integrität hebt sich die dramatische Momentaufnahme einer schleichenden Aushöhlung des Rechtsstaates ab, die man intuitiv nicht nur in den USA für realistisch hält. Dass große Unternehmen mit Hilfe von Sicherheitsfirmen wie im Wilden Westen das Gesetz teilweise selbst in die Hand nehmen, unterwirft Recht und Verantwortung schlicht der Gier. Als Sarah ihre Chefin Sharon (Patricia Clarkson) bittet, die zukünftigen Opfer eines Anschlags zu warnen, weigert sich diese zynisch – die betreffende Firma gehöre nicht zu ihren Kunden. Das erzeugt wahrlich Gänsehaut.

Text: Andreas Günther / Fotos: 2013 Twentieth Century Fox
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: überzeugend
Genre: Thriller
Freigabealter: 12
Verleih: Fox
Laufzeit: 116 Min.