Der Leidwolf

Er prügelt sich mit griechischen Göttern: lächerlich. Er schickt Schlachtschiffe in den Kampf gegen Aliens: idiotisch. Er flieht vor ein paar Wölfen: fantastisch. Derzeit sind in deutschen Kinos Liam-Neeson-Wochen. Doch während in den Materialschlachten “Zorn der Titanen” (Produktionskosten: rund 150 Millionen Dollar) und “Battleship” (rund 211 Millionen Dollar) die ganz großen Effekte sinnlos verpuffen, stiehlt ihnen der Außenseiter “The Grey – Unter Wölfen” (rund 25 Millionen Dollar) mit Leichtigkeit die Show. Regisseur und Drehbuchautor Joe Carnahan braucht dafür nicht mehr als eine Gruppe Männer, ein Rudel Wölfe und viel, viel Eis.

John Ottway (Liam Neeson) muss sich in der eisigen Wildnis beweisen.


Schnee, so weit das Auge reicht, ein unerbittlich kalter Wind, eine elende Schinderei. Ein raues Leben. Es sind auch raue Gesellen, die da in Alaska für eine Ölbohrfirma arbeiten; Männer, die nicht so recht in die Gesellschaft passen wollen. Unter ihnen ist John Ottway (Liam Neeson), ein depressiver Biologe, der die Arbeiter vor gelegentlich marodierenden Wölfen beschützt.

Als es nach mehreren Monaten endlich zurück in die Heimat gehen soll, stürzt das Flugzeug mitten in der eisigen Wildnis ab. Nur sieben Männer überleben – ohne Ausrüstung, ohne Proviant. Ottway, der stille Einzelgänger, wird zum Anführer der Truppe. Er glaubt, dass die besten Überlebenschancen nicht in der schneebedeckten, windumtosten Weite zu finden sind, sondern in den Wäldern im Süden. Doch bald schon zeigt sich, dass nicht nur Hunger und Kälte die Männer bedrohen: Ein Wolfsrudel reagiert äußerst aggressiv auf die ungewohnten Eindringlinge.

Schritt für Schritt treibt Ottway (Liam Neeson, rechts, mit Dermot Mulroney)
die Mitglieder seiner Gruppe durch den Schnee.



Was folgt, ist natürlich vorhersehbar. Der gute Hirte Ottway verliert nach und nach seine Schäfchen an die bösen Wölfe. Zudem setzt sich seine Herde aus reichlich konventionellen Charakteren zusammen: Es gibt die nervige Quasselstrippe, den naiven Religiösen, den netten Kerl von nebenan und natürlich den Mistkerl, der selbst gerne Anführer wäre.

Dass man trotzdem mit ihnen leidet, liegt nur zum Teil an den Schauspielern. Frank Grillo als streitlustiger Ex-Knacki und Dermot Mulroney als liebender Familienvater stechen aus der Gruppe heraus, die anderen bleiben eher unauffällig. Ihnen allen aber nimmt man jederzeit ihre Verzweiflung ab – was wohl auch daran liegen könnte, dass unter Realbedingungen gedreht wurde: Regisseur Carnahan schleppte seine Crew in die kanadische Wildnis und trieb sie bei bis zu minus 30 Grad Celsius durch hüfthohen Schnee. Dabei kamen fast nebenbei auch fantastische Landschaftsaufnahmen zustande.

Die Wölfe lauern auf jeden Fehler der Männer.


Ein weiterer Pluspunkt ist Carnahans Regie. Der US-Amerikaner, der bisher eher durch explosionsreiche Ballerfilme wie “Smokin’ Aces” (2007) oder “Das A-Team” (2010) auffiel, hält sich diesmal auffällig zurück: Im gesamten Film kommt nur ein einziges Mal ein Gewehr zum Einsatz. Stattdessen zeigt er, dass ein leises Knacken im Unterholz noch weitaus bedrohlicher sein kann als eine abgefeuerte Kugel.

So käme ein solider Survival-Thriller zustande – wenn da nicht noch Liam Neeson wäre. Er gibt den müden Leitwolf mit einer solchen Überzeugungskraft, dass er den Film zu seinem macht. Das Gesicht von Kummer zerfurcht, der Bart mit Eiszapfen durchsetzt, kämpft er gegen die Wildnis, gegen Gott und gegen sich selbst. Unter dem immer gleichen grauen Himmel schreit er irgendwann Gott an, fleht um ein Wunder – und beschließt dann: “Scheiß drauf. Ich mach es selbst.” Man glaubt es ihm.

Text: Sabine Metzger / Fotos: Universum Film

Filmbewertung: ausgezeichnet
Starttermin: 12.04.2012
Freigabealter: 16
Verleih: Universum
Originaltitel: The Grey
Laufzeit: 117 Min.