Das Mögliche im Unmöglichen
Wie gebannt saßen die Zuschauer am Zweiten Weihnachtsfeiertag 2004 vor den Fernsehern – die Tsunami-Katastrophe im Indischen Ozean schien ähnlich unfassbar, unvorhersehbar wie drei Jahre zuvor der Anschlag auf das World Trade Center. Der in vielerlei Hinsicht beeindruckende Film „The Impossible“ von Juan Antonio Bayona, der auf der wahren Geschichte einer fünfköpfigen spanischen Familie beruht, vermag „Das Unmögliche“ tatsächlich begreifbarer zu machen.


Der spanische Regisseur, der 2007 mit dem Horrorfilm „Das Waisenhaus“ debütierte, versteht es, sein Publikum gnadenlos mitzunehmen. In diesem Drama leidet man körperlich mit, vor allem in der ersten Hälfte. So bekommt man tatsächlich eine leise Ahnung davon, wie es sich angefühlt haben muss, von einer turmhohen Welle überrollt und im Anschluss wie ein Stück Holz durch einen reißenden Wasserstrom gewirbelt zu werden, in dem auch unzählige Gegenstände treiben, die einen schwer verletzen oder umbringen können.


Aber zunächst beginnt alles recht friedlich für Familie Bennett: Das Ferienresort auf Khao Lak ist paradiesisch, die beiden kleinen Brüder (Samuel Joslin und Oaklee Pendergast) und der pubertierende Lucas (Tom Holland) sind begeistert, Mutter Maria (Naomi Watts) und Vater Henry (Ewan McGregor) werfen sich verliebte Blicke zu. Doch bereits am zweiten Tag zieht plötzlich ein starker Wind auf, der alle Vögel panisch davonfliegen lässt. Bevor die einzelnen Familienmitglieder am Pool auch nur im Ansatz begreifen, was geschehen wird, rollt auch schon die monströse Flutwelle heran.


Das Publikum muss die Naturgewalt aus der Sicht von Maria über sich ergehen lassen: Genau wie sie verliert der Zuschauer jegliche Kontrolle über das, was jetzt geschieht, taucht mit ihr unter, versucht panisch, den gefährlichen Gegenständen unter Wasser auszuweichen, ringt nach Luft. Bäume, spitze Gegenstände, Autowracks schleudern entgegen. Und nur wenige Meter weiter kämpft „der eigene“ Sohn Lucas ums Überleben, der trotz unmenschlicher Kraftanstrengungen wieder und wieder nicht erreicht werden kann. Als sich die schwer verletzte Maria, Lucas und ein gerettetes Kleinkind endlich unter Schmerzen unerträglich langsam auf einen Baum gerettet haben, hätte auch das entkräftete Publikum einen Schluck von der Cola verdient, die Lucas zufällig aus dem Wasser fischt …



Special Effects, die Kameraarbeit von Oscar Faura und Schauspielkunst sind bis hierher spektakulär. Naomi Watts wurde für ihre fulminante Darstellung sogar für den Oscar nominiert, doch auch den jungen Tom Holland sollte man sich unbedingt merken. Doch das zweite Drittel, das die nahezu aussichtslose Suche von Familienvater Henry und den beiden kleinen Söhnen nach dem Rest der Familie zeigt, ist bis auf wenige zu Herzen gehende Szenen wesentlich schwächer als der furiose Beginn. Hier kippt der Film leider stellenweise in ein typisches Hollywood-Katastrophendrama – einheimischen Opfer begegnet man auch hier nicht.


Doch die stärksten Szenen warten noch: Die, in denen der altersgemäß ichbezogene Lucas in dieser Ausnahmesituation über sich hinauswächst: Er übernimmt die Rolle des mütterlichen Beschützers, lernt aber auch, sich gegenüber den Mitopfern, die ein hoffnungslos überfülltes Krankenhaus belegen, menschlich zu zeigen, seine Hilfe anzubieten. Das intensive Band, das zwischen Mutter und Sohn während dieser Katastrophe geknüpft wird, steht exemplarisch für die tiefe Verbundenheit und Hilfsbereitschaft (fast) aller Menschen angesichts solcher Extremsituationen.


Text: Gabriele Summen / Fotos: 2013 Concorde Filmverleih GmbH
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: The Impossible
Genre: Drama
Verleih: Concorde