So schweigsam wie das Leben

Nichts ist so zäh und einsam wie das Leben. Über diese strittige Grunderkenntnis haben sich nicht nur Philosophen schon über die Jahrhunderte ihre Köpfe zerbrochen. Auch Filme, von bitterquälenden Dramen bis hin zu pointierten Komödien und allem dazwischen, wurden darüber gedreht. Die russisch-amerikanische Regisseurin und Videokünstlerin Julia Loktev hat nun eine besonders zähe Geschichte über das Leben und die Liebe geschrieben und gedreht: „The Loneliest Planet“ ist ein Film, in dem 118 Minuten lang scheinbar nichts passiert.


Alex (Gael Garcia Bernal) und Nica (Hani Furstenberg) sind frisch verlobt und verliebt. Gemeinsam reisen sie nach Georgien, um dort auf Rucksack-Wanderung durch das Kaukasus-Gebirge zu kraxeln. In einem kleinen Ort heuern sie den Fremdenführer Dato (Bidzina Gujabidze) an. Der ist kräftig, spricht immerhin ein bisschen Englisch, sagt sonst nicht viel und kennt sich in den Bergen aus. Und so marschieren sie los, diese ungleichen Drei, über Wiesen, Wälder, Stöcke, Steine und Flüsse.

Einmal, da findet Dato einen Stein, der angeblich sehr viel wert ist und für reine Haut sorgt. Er schenkt ihn Nica. Außer gebrochenem Smalltalk passiert nichts weiter – bis das Trio mitten in der Wildnis auf einen älteren Mann und seine zwei Enkel trifft. Der spricht auf Georgisch zehn Sekunden mit Dato, richtet plötzlich sein Gewehr auf Alex, der wiederum reflexartig Nica zwischen sich und den Lauf schiebt. Und wenn man denkt, dass der Film jetzt endlich an Fahrt aufnimmt: Der vorläufige Höhe- beziehungsweise Tiefpunkt von „The Loneliest Planet“ sowie eine negative Wende in der Beziehung zwischen Alex und Nica ist damit erreicht. Dato schlichtet und die Drei wandern weiter, sie schweigen bloß, plötzlich so entfremdet, noch mehr als davor. Was den alten Mann so wütend machte: Man erfährt es nicht.

Dass „The Loneliest Planet“ auf einer Kurzgeschichte namens „Expensive Trips Nowhere“ von Tom Bissell basiert und auf Spielfilmlänge ausgeweitet wurde, überrascht keineswegs. Die Dialoge sind bis zum letzten Drittel hin an zwei Händen abzählbar, die Ereignisse auch. Wandern, Waschen, Zelt abbauen, die roten Haare von Nica im Wind, unfreiwillige Ballspiele mit unsichtbaren Kindern hinterm Hüttenzaun – wie die Kamera immer mindestens zehn Sekunden zu lange drauf hält und doch nichts passiert, grenzt schon an Komik.


Die kommt in dem Drama, das es übrigens schlussendlich ist, immer dann auf, wenn die Protagonisten doch mal reden. „Take the bitch to the beach“ etwa ist ein Zungenbrecher, den Nica Dato beibringt, um die richtige Betonung zu lehren. Und überhaupt: Bidzina Gujabidze, der den Dato mit all dessen hintergründigen Lastern spielt, ist die wahre Entdeckung in diesem Film, der schon 2011 in Locarno, Toronto, New York und London lief. Wenn man Gujabidze nämlich nur eine Sache nicht abnimmt, dann die, dass er vorher noch nie vor einer Kamera stand.

„The Loneliest Planet“ ist derweil nur vordergründig ein Stillleben über Tourismus, Kulturen, Imperialismus und Sprachverwirrung nach Babel, also über all die Zusammenhänge unserer Leben. Es ist ein Film über Einsamkeit und über Beziehungen, wie sie überall, jeden Tag, andauernd passieren und ihr Auf und Ab nehmen. Und in denen oftmals ja auch so wenig passiert, dass es weh tut.

Text: Fabian Soethof / Fotos: Camino
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: akzeptabel
Originaltitel: The Loneliest Planet
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Camino
Laufzeit: 118 Min.