Das große Taumeln

Bei den Oscar-Nominierungen wurde Regisseur und Drehbuchautor Paul Thomas Anderson sträflich übergangen: Böse Zungen behaupten, der Academy wäre das Thema, das der Filmemacher („There Will Be Blood“, „Magnolia“, „Boogie Nights“) in „The Master“ aufgreift, zu heikel: Anderson beschäftigt sich mit den Strukturen einer Sekte. Parallelen zu Scientology sind nicht von der Hand zu weisen. Aber Anderson hält sich mit Wertungen zurück, „The Master“ ist kein historische Aufarbeitung, keine Anklage. Zu dieser Gelassenheit kann man ihm nur gratulieren: Sein Film versagt sich das Spezifische, was ihn zu einem universellen, meisterhaften Lehrstück macht – über die Sinnsuche in sinnfreien Zeiten und über die Macht der Verführung, die dann besonders stark ist.

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Auch wenn PT Anderson ignoriert wurde, seine Darsteller Joaquin Phoenix, Amy Adams und Philip Seymour Hoffman ließ die Oscar-Jury nicht unberücksichtigt. Ihre grandiosen Einzel-Performances verbinden sich zu einer beklemmenden Ensembleleistung: In einer Tour de Force spielen sie drei Menschen, die im Amerika der beginnenden 50er-Jahre einen gefährlichen Strudel aus Abhängigkeit, Manipulation und Gewalt in Gang setzen.

Im Mittelpunkt steht Freddie (Phoenix), der unsicher durch ein Leben taumelt, das PT Anderson in genialen Bildern von erdrückender Leere zeigt. Gedreht im 70-mm-Format wirken sie so übergroß und so überwältigend, wie es das Dasein für Freddie sein muss. Der Weltkriegsveteran wird seine Vergangenheit nicht los. Die Erinnerungen an den Krieg und an eine gescheiterte Liebe kommen unangekündigt, sie werden von Anderson stilistisch nicht vom Rest des Films abgesetzt – Vergangenheit und Gegenwart sind eins.

Im Jetzt ist Freddie labil und alkoholabhängig, eine tickende Zeitbombe, die immer wieder mal explodiert. Er sucht nach Halt, aber die Geländer sind morsch. Also fällt er hin, immer wieder. Bis er den „Master“ trifft: Lancaster Dodd (Hoffman) hilft ihm wieder auf die Beine. Der charismatische Führer der Sekte „The Cause“ nimmt den Strauchelnden ganz selbstverständlich, aber gegen den Widerstand seiner intriganten Frau Peggy (Adams) in die Gemeinschaft auf.

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Die beiden Männer brauchen einander: Freddie findet eine Aufgabe und vielleicht sogar einen Weg aus seiner Alkoholabhängigkeit. Er ist Dodd blind ergeben, und der Master genießt die Macht über sein dankbares Versuchsobjekt, an dem er pseudowissenschaftliche „Erweckungs“-Experimente durchführt. Freddie macht sich mit blindem Gehorsam zum Diener eines Mannes, von dem er weiß, dass er hinter seiner jovialen Kumpel-Art ein brodelnder Vulkan ist, der jederzeit ausbrechen kann und dabei keine Rücksicht nehmen wird. Er ahnt das Verderben, greift aber trotzdem nach dem Strohhalm, den ihn Dodd reicht. Weil der Hilflose nach jedem Strohhalm greift, auch wenn er vielleicht gar nicht gerettet werden will.

PT Anderson dringt mit vielschichtigen Figuren und einer komplexen Konstellationen tief in die Strukturen einer Gemeinschaft von Abhängigen ein. Dort geht es vor allem um Herrschaft und Macht, dort ist die „gute Sache“ immer auch eine Frage von persönlicher Sympathie. Anderson treibt die beiden Männer in seinem klugen Drehbuch einander in die Arme, lässt sie dort aber nicht in inniger Umarmung verweilen. Der Scharlatan und der von Erinnerungen gepeinigte Einfaltspinsel benutzen sich gegenseitig, um Bestätigung zu erfahren. Sie sind beide Getriebene, und sie sind beide gefährlich, weil sie nicht zur Ruhe kommen. Der eine will beherrscht werden, der andere will herrschen.

Obwohl die Figur Lancaster Dodd lose an den Scientology-Gründer L. Ron Hubbard angelehnt ist, hat „The Master“ wenig mit historischen Begebenheiten bei Scientology zu tun. Aber der Film funktioniert eben auch ohne den klaren historischen Verweis bestens – und ist ziemlich modern. Wer auf Sinnsuche ist, aber nichts finden kann, glaubt auch heute noch jedem Versprechen, lässt sich manipulieren und wird zum Jünger. Nur dass es heutzutage oft aus geistiger Bequemlichkeit geschieht. Und sogar als ziemlich hip gilt, einer Massenbewegung in Flagship-Stores zu folgen.

Text: Andreas Fischer / Fotos: Senator Film Verleih
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: Meisterwerk
Originaltitel: The Master
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Senator
Laufzeit: 137 Min.