Ein ewiger Kreis

Komplett tätowiert, eine coole Sau, ein Mann ohne Angst: Luke (Ryan Gosling) ist Stuntfahrer bei einer Motorradshow, ein kleiner Star auf dem Jahrmärkten Neu Englands. Er tingelt von Stadt zu Stadt, kann nirgends sesshaft werden, will sich nicht binden. Bis er erfährt, dass er mit einer flüchtigen Bekanntschaft ein Kind gezeugt hat. Damit muss man erst einmal fertig werden. Sein Stolz ist verletzt, weil ihn Romina (Eva Mendes) nicht informierte und jetzt mit einem anderen Mann zusammenlebt. Nach seinem umjubelten „Blue Valentine“ (2010) beschäftigt sich Filmemacher Derek Cianfrance einmal mehr mit dem Leben in seiner schmerzhaften Normalität. Geschildert in drei famosen Akten, ist „The Place Beyond The Pines“ ein Film über Familie und Verantwortung, über Schuld und Sühne und über die Konsequenzen von Entscheidungen, die man trifft.

Szene mit Bradley Cooper.
Luke ist ein Spanner, der heimliche Beobachter eines Lebens, das seins sein könnte – vor dem er aber auch Angst hat. Vater zu sein, bedeutet Verantwortung zu übernehmen: nicht nur beim Eis essen oder beim Geschenkekauf. Was tun? In seiner Hilflosigkeit lässt er sich zu Banküberfällen überreden. Das geht eine ganze Weile gut, und Luke glaubt, sich mit dem Geld die Vaterschaft erkaufen zu können.

Irgendwann kommt die Erkenntnis, dass Luke in Schwierigkeiten steckt. Doch Zeit darüber nachzudenken, hat er nicht: Er gibt die Probleme an Avery (Bradley Cooper) weiter, einem Cop, der ihn nach einem Raubzug verfolgt. Auch Avery ist gerade Vater geworden und muss sich seiner Verantwortung stellen und blickt in Abgründe, die ihn und seine Familie zu verschlucken drohen. Aber er macht trotzdem Karriere, steigt auf vom Streifenpolizisten zum Staatsanwalt und opfert dabei seine moralische Integrität. Stückchenweise, aber kalkuliert.

Der Kreis schließt sich 15 Jahre später. Lukes Sohn Jason (Dane DeHaan) und Averys Sprössling AJ (Emory Cohen) freunden sich auf der Highschool an und müssen ihre Vergangenheit aufarbeiten. Ihre Schicksale sind miteinander verknüpft, ohne dass sie es ahnen. Sie leben das Leben ihrer Väter weiter.

Man bekommt mit „The Place Beyond The Pines“ im Prinzip drei Filme: ein Actiondrama über Luke, einen Polizeithriller über Avery, eine Coming-of-Age-Geschichte über ihre Söhne. Virtuos verknüpft Cianfrance die völlig unterschiedlichen Genres zu einem spannenden Ganzen: Ein Entrinnen gibt es in den zweieinhalb fesselnden Stunden nicht. Für niemanden auf der Leinwand und für niemanden davor.

Szene mit Ryan Gosling.
Es liegt von Beginn an eine Unausweichlichkeit auf „The Place Beyond The Pines“, eine bedrohliche Stimmung, die sich in stillen Momenten manifestiert. Derek Cianfrance und seine fantastischen Darsteller finden mit einem guten Gespür für die Gefühlswelten der Protagonisten schmerzhafte Wahrheiten über das Leben, das manchmal keinen Sinn macht und sich nur selten planen lässt. Dabei sind Luke und Avery mitnichten Spielbälle des Schicksals: Sie haben ihr Leben selbst in der Hand, sind sich jedoch der Tragweite ihrer Handlungen nie bewusst.

Derek Cianfrance gönnt seinen Protagonisten keine Atempause. Sie alle wollen ein normales Leben führen, sind aber aus verschiedenen Gründen nicht bereit dafür. Sie laden Schuld auf sich und müssen dafür büßen: Es geht viel kaputt, es wird viel zerstört – was nicht einmal böse Absicht ist. Aber die Männer und die Jungs treffen Entscheidungen, mit deren Konsequenzen sie leben müssen. Oder sterben.

Text: Andreas Fischer / Fotos: Studiocanal
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: Meisterwerk
Originaltitel: The Place Beyond The Pines
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Studiocanal
Laufzeit: 146 Min.