Ich nehm’ euch mit

„Neunzig Prozent aller Musik ist Schrott – der Rest ist Soul“ behauptet der zukünftige Manager der Band „The Sapphires“ zu Beginn des gleichnamigen Films. Wenig später wird der versoffene Dave (Chris O’Dowd) den jungen, stimmgewaltigen Aborigines-Frauen, die bis dahin lediglich harmlose Country-Songs gesungen haben, eindrucksvoll beibringen, wie sie Soul-Musik zu singen haben: „wie eine Frau, die zupackt und verzweifelt und kraftvoll darum kämpft, sich zurückzuholen, was ihr weggenommen worden ist.“ Da können die drei Schwestern Gail (Deborah Mailman), Julie (Sängerin Jessica Mauboy) und Cynthia (Miranda Tapsell), sowie ihre Cousine Kay (Shari Sebbens), nun wahrlich ein Lied von singen.

Szene mit Chris O'Dowd.
Dem Wohlfühlfilm liegt eine traurige historische Wahrheit zugrunde: Zur Zeit der Handlung, 1968, galten die Ureinwohner Australiens laut Gesetz quasi immer noch als Flora und Fauna. So erzählt Mit-Drehbuchautor Tony Briggs, Sohn einer der echten Sapphires-Sängerinnen, auch ergreifend von dem Schicksal von Kay, die wie Tausende andere hellhäutige Aborigines ihren Eltern im Rahmen der Assimilationspolitik einfach weggenommen wurde, um sie als Weiße aufzuziehen. Doch zu Beginn des Films retten ihre „Schwestern“ sie vor weiteren Tupperwaren-Partys, indem sie sie auffordern, gemeinsam mit dem nie um einen trockenen Spruch verlegenen irischen Musiker Dave für ein Vorsingen in Melbourne zu proben.

Szene mit Jessica Mauboy und Shari Sebbens.
Die frischgeborenen Soul-Sisters begeistern zunächst ein Auswahlkomitee mit ihrer Soul-Performance, wenig später bereits auf einer Tour die amerikanischen Soldaten in Vietnam. Der vom regieerfahrenen Kameramann Warwick Thornton packend ins Bild gesetzte Biopic-Roadmovie schlittert dabei niemals vollends in den Klischeegraben. Dies verdankt der Film zum einen der überragenden schauspielerischen Leistung Chris O’Dowds als Dave Lovelace und seinem äußerst sturen Gegenüber Gail in Gestalt der bezaubernden Deborah Mailman, die wie Regisseur Wayne Blair auch schon in einem gleichnamigen Theaterstück über The Sapphires mitwirkte. Zum anderen lebt die musikalische Dramedy, die streckenweise an an irisch-britischen Klassiker „Die Commitments“ erinnert, natürlich von fantastischen Soulnummern wie „What A Man“, „Who’s Loving You?“ und „I Heard It Through The Grapevine“, sodass man sich nach dem Kinobesuch am liebsten den Soundtrack besorgen möchte. Da stört es auch nicht weiter, dass einige Nummern, die im Film voller Inbrunst zum Besten gegeben werden, zur Handlungszeit noch gar nicht geschrieben waren …

„I’ll Take You There“, „Ich nehm’ euch mit“, verspricht der durchgeknallte Soulbrother Dave die Staple Singers zitierend am Anfang, und löst das Versprechen nicht nur gegenüber seinen Soulsisters ein: Dass er den Zuschauer auf diese 100-minütige Reise zu der Kraft des Soul mitnimmt, macht dieses Langfilm-Debüt so sehens- und hörenswert.

Text: Gabriele Summen / Fotos: Senator Film
Quelle: teleschau – der mediendienst

Start: 20.06.
Filmbewertung: ausgezeichnet
Genre: Musical
Freigabealter: 6
Verleih: Senator
Laufzeit: 99 Min.