Zeit totschlagen mit dem Hammergott

Insekten verbrennen in Scharen. Vögel fallen vor Erschöpfung tot vom Himmel. Und frisch geschlüpfte Meeresschildkröten werden gefressen, während sie wehr- und orientierungslos am Strand umherirren. Ja, die Folgen der Lichtverschmutzung sind nicht zu leugnen, und Umweltschützer kämpfen aus gutem Grund dagegen. Auch Malekith (Christopher Eccleston) möchte die Welt am liebsten wieder in Dunkelheit hüllen – ach was, die Welt, gleich das gesamte Universum! Da reichen natürlich weder Flugblattaktionen noch Bürgerinitiativen. Mittels einer uralten Materie aus dem Anbeginn der Zeit will der Dunkelelb seinen finsteren Plan in die Tat umsetzen, der fast alles Leben auslöschen würde. Da sei Gott vor! Beziehungsweise ein Gott: der Gott des Donners. In „Thor: The Dark Kingdom“ muss Marvel-Held Thor (Chris Hemsworth) mal wieder ran ans Weltretten.

Thor (Chris Hemsworth) dämmert bald, dass er Unterstützung braucht.

 

Dass er alleine dem Gegner nicht gewachsen ist, muss der hammerschwingende Hüne bald erkennen. Darum rekrutiert er – gegen den Willen seines Vaters Odin (Anthony Hopkins) – seinen zwielichtigen Bruder Loki (Tom Hiddleston), der seit dem Verrat an Odin und einem Massaker auf der Erde im heimischen Kerker schmachtet. Gemeinsam mit Thors Freundin Jane (Natalie Portman) stellen sie sich der intergalaktischen Gefahr, die diesmal sogar Thors Heimat ins Chaos stürzt. Leider ist die Rettungsaktion jedoch ein wenig unausgewogen geraten.

 

Das kosmische Abenteuer inszenierte Alan Taylor, der sich vor Kurzem bei der TV-Hitserie „Game of Thrones“ einige Lorbeeren verdiente. Das macht sich vor allem optisch bemerkbar: Thors Heimat Asgard, die im ersten Teil vielfach kulissenhaft und steril wirkte, wird hier viel griffiger dargestellt. Allerdings sehen die prächtigen Burghöfe, die Brücken und malerischen Wasserfälle nun größtenteils aus wie Überbleibsel der „Herr der Ringe“-Produktion.

Thors rachsüchtiger Bruder Loki (Tom Hiddleston) hat immer noch ein As im Ärmel.

 

Neue Bilder gibt es hier nicht – wenn man mal davon absieht, dass sich Taylor nicht um Genregrenzen schert und eine erfrischend kräftige Portion Science-Fiction in die High-Fantasy-Welt hineinbuttert. Dass in Asgard Wissenschaft und Magie eins sind, wurde ja schon im ersten Teil klargestellt. Doch Malekith und seine Mannen schießen nicht nur bunte Strahlen aus Energiewaffen, sondern sind tatsächlich in Raumschiffen unterwegs. Schade nur, dass deren wilde Jagden durch Asgard selbst in 3D nur mäßig mitreißend sind. Auch die Schlacht zwischen Germanengöttern und Dunkelelben oder der Einfall der Finsterlinge in Greenwich (wenigstens nicht New York) werden mit reichlich Bombast, aber ohne Herzrasen inszeniert.

Odin (Anthony Hopkins, rechts) möchte bald die Krone an seinen Sohn Thor (Chris Hemsworth) abtreten.

 

Es überrascht nicht, dass „The Dark Kingdom“ eine Nummer größer sein will als der Vorgänger („Thor“, 2011), und es ist auch durchaus angemessen. Dass der Schauplatz diesmal nicht nur eine Kleinstadt in New Mexico ist, sondern sich gleich über mehrere Dimensionen erstreckt, wird mitunter sogar ziemlich unterhaltsam genutzt – meist jedoch bewirkt das Weltenhopping wenig nachvollziehbare Brüche in Erzählfluss und Atmosphäre. Taylor springt von epischen Schlachten (Einfall der Elben in Asgard) zur Gaunerkomödie (Befreiung Lokis aus dem Kerker), von düsteren, mystischen Riten (Dunkelelben auf ihrem Schiff) zur Sitcom (Thor im Umgang mit dem irdischen Alltag). So wird am Ende jeder Zuschauer ein bisschen bedient, aber wohl keiner ganz glücklich.

 

Zudem fällt es nicht nur positiv auf, dass Taylor die Figuren mit deutlich breiteren Pinselstrichen malt als Vorgänger Kenneth Branagh, der seinem „Thor“ 2011 ein paar shakespearehafte Züge verlieh. Darunter haben vor allem die Erdlinge zu leiden: War etwa Jane Foster (Natalie Portman) im ersten Teil eine Vollblut-Wissenschaftlerin, die sich erst allmählich für den charismatischen Muskelprotz Thor interessierte, ist sie in diesem Teil nur noch seine Freundin, die hauptsächlich beschützt werden muss und am Ende einen (pseudo-)wissenschaftlichen Beitrag zum Kampf gegen den Dunkelelben leisten darf.

Rat mal, wer zum Essen kommt: Thor (Chris Hemsworth) bringt seine geliebte Jane (Natalie Portman) heim nach Asgard.

 

Stellan Skarsgård als Janes Mentor Erik Selvig und Kat Dennings als ihre Assistentin Darcy werden als ständige Pointenlieferanten gleichermaßen unterfordert und überbeansprucht. Dazu wurde Darcy – ohnehin schon der Sidekick eines Sidekicks – noch ein weiterer Sidekick zur Seite gestellt: Mit Praktikant Ian (Jonathan Howard in einem nicht einmal unsympathischen Auftritt) verkommen die liebenswert-schrulligen Wissenschaftler zur reinen Comedytruppe.

Sif (Jaimie Alexander) zieht in die Schlacht.

 

Auch Motivation und Charakter Malekiths bleiben weitgehend – pardon – im Dunklen. Aus dem Widerstreit zwischen Licht und Finsternis hätte man ruhig ein paar philosophische Ansätze ziehen können. So gibt Eccleston den irrsinnigen Standardbösewicht, der meist in einer erfundenen Elbensprache (auch die möglicherweise Restmaterial vom „Herr der Ringe“-Set) Bösartigkeiten verbreitet. Immerhin: Chris Hemsworth, Tom Hiddleston und Natalie Portman haben nach wie vor deutlich erkennbar Spaß an ihren Figuren. Vor allem die Dynamik zwischen den Brüdern, die zwischen Zwistigkeiten und Zusammenhalt hin- und hergerissen sind und dabei zahlreiche beißende Sprüche loswerden, macht über weite Strecken vieles wett. Wer also knapp zwei Stunden und einen Eimer Popcorn übrig hat, kann mit „The Dark Kingdom“ getrost ein wenig Zeit totschlagen.

Text: Sabine Metzger / Fotos: Jay Maidment / 2013 MVLFFLLC / 2013 Marvel
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: akzeptabel
Originaltitel: Thor – The Dark World
Genre: Fantasy
Freigabealter: 12
Verleih: Disney
Laufzeit: 112 Min.