Geblieben ist …

Wer auf die Idee käme, Philip K. Dicks „Blade Runner“ neu zu verfilmen, müsste wohl schon im Vorfeld harsche Kritik über sich ergehen lassen. Was bitte sollte ein Remake besser machen als das Original? Im Fall von „Total Recall“, gleichsam eine Geschichte des 1982 verstorbenen US-Autors, waren die Vorbehalte geringer. Zumal der Produzent Neal H. Moritz versprach, „der originalen Geschichte völlig neue Seiten abzugewinnen“. In gewisser Hinsicht stimmt das auch: Der neue „Total Recall“ setzt fast ausschließlich auf Action und auf die optischen Schauwerte einer futuristischen Welt. Keine Spur mehr vom augenzwinkernden Ansatz des Originals mit Arnold Schwarzenegger. Und auch die durchaus spannenden Charaktere werden mit weit groberer Hand gezeichnet.

Douglas Quaid (Colin Farrell) besucht eine Firma namens Rekall, die verspricht, Träume in echte Erinnerungen zu verwandeln.



Popcorn-Entertainment at its best, mag man das nennen. Und das ist „Total Recall“ zweifelsohne. Regisseur Len Wiseman („Underworld“) versteht sich wie kein Zweiter aus düster-atmosphärische Actionelemente und erschuf mit reichlich Computertechnik, aber auch einem sichtbar großen Maß an realen Aufnahmen zwei grandiose neue Welten.

„Total Recall“ spielt knapp vor dem Ende des 21. Jahrhunderts. Nach einer nuklearen Katastrophe sind nur noch zwei Gegenden der Erde bewohnbar. Zum einen die sogenannte United Federation of Britain, der reiche Teil der Erde. Und zum anderen The Colony, Australien, wo die verarmten Arbeiter leben, die Tag für Tag mit einer Art Fahrstuhl in gerade einmal 17 Minuten quer durch den Planeten und den Erdkern hindurch nach oben reisen, um dort ihre niederen Jobs zu erledigen. Bald schon regt sich der Widerstand, angeführt von Matthias (Bill Nighy), der sein Volk in die Freiheit führen will. Ihm gegenüber steht der Kanzler und erklärte Schurke Cohaagen (Bryan Cranston), der die Föderation anführt und offensichtlich eine Invasion in die Colony plant.

Im Mittelpunkt jedoch steht der Fabrikarbeiter Douglas Quaid, gespielt von Colin Farrell. Er gehört zu jenen Pendlern und führt ansonsten ein eher tristes Leben, sieht man von seiner attraktiven Frau Lori (Kate Becksinsale) ab. Von einer Werbung lässt er sich verführen. Er besucht eine Firma namens Rekall, die verspricht, Träume in echte Erinnerungen zu verwandeln. Ein Doppelagent, das wäre Quaid gerne, und so nimmt er auf dem Stuhl der Gehirnwäscher Platz. Doch es kommt zu Komplikationen. Denn offensichtlich handelt sich bei Quaid tatsächlich um einen Agenten, der jedoch nichts mehr von seiner Vergangenheit weiß. Die realen und fiktiven Erinnerungen kollidieren, das Abenteuer nimmt seinen Lauf.

Lori (Kate Beckinsale) jagt Quaid quer durch den Planeten.


Wobei der neue „Total Recall“-Film streng genommen nur noch ein Thema hat: die Jagd. Lori entpuppt sich bald als kompromisslose Killerin. Anders als im Original entlarvt das Drehbuch von Kurt Wimmer und Marm Bomback die Schöne an Quaids Seite früh als Verräterin. Ein notwendiger Schritt, nachdem jeder, der sich an Sharon Stone erinnert, ohnehin ihre wahre Identität kennt. Kate Beckinsale ist einer der größten Pluspunkte dieses Films. Es ist eine wahre Freude, dieser furios aufspielenden Actionkönigin zuzusehen. Recht blass hingegen wirkt Jessica Biel, die die Rebellin Melina spielt. Sie steht fortan der Seite Quaids und kämpft mit ihm gegen Cohaagens Roboterarmee.

Permanent geht es rauf und runter durch die Erde. Quaid ist ständig auf der Flucht, die Befreiung der unterdrückten Colony ist da zunächst, anders als im Original, Nebensache. „Total Recall“ lebt von den ungeheuren Schauwerten. Es sind faszinierende, wenngleich nicht ganz neue mehrstöckige Welten, die hier entworfen werden. Manches erinnert an „Blade Runner“, vieles an „Judge Dredd“ oder andere Genrefilme, die eine fiktive Zukunft entwarfen. Telefoniert wird mit einem Gerät, das in die Hand eingelassen ist. Gefahren wird mit Autos, die einen Meter über dem Boden schweben.

„Total Recall“ ist ein visueller Genuss, lässt aber die tiefere Bedeutung von Dicks Kurzgeschichte über weite Strecken außer Acht. Der Nachfolger von Paul Verhoevens Sci-Fi-Abenteuer von 1990 verzichtet nicht nur auf den Mars als Schauplatz, sondern auch auf die schrägen, heiteren Momente des Vorgängers. Und: Er gibt dem unterdrückten Volk kein Gesicht, keinen Charakter mehr, sondern lässt abseits der wenigen Hauptfiguren keinerlei Handlung zu. Dem Remake fehlen über weite Strecken Charme und Seele. Nett indes sind die amüsanten Querverweise an das Original: Die Prostituierte mit den drei Brüsten wird ebenso „zitiert“ wie das ungewöhnliche Frauengesicht, mit dem sich damals Schwarzenegger über die Grenze zu schleichen versuchte. „Total Recall 2“ weckt die Lust auf „Total Recall 1“ …

Text: Kai-Oliver Derks / Fotos: 2012 Sony Pictures Releasing GmbH
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: Total Recall
Genre: Action
Verleih: Sony
Laufzeit: 118 Min.