Famoses aus der Fauna

Wenn die Jesus-Christus-Echse in Superzeitlupe übers Wasser sprintet oder die lange Zunge des Chamäleons Insekten vom Ast pflückt, entfalten die HD-Bilder der BBC-Dokumentation “Unser Leben” (2011) ihre ganze faszinierende Kraft. Mit solchen einzigartigen Aufnahmen aus der Natur begeisterten die Briten schon im Sensationserfolg “Unsere Erde” (2007), der 3,8 Millionen Besucher in die Kinos lockte, die Zuschauer. Auch diesmal setzen die Macher auf eine Mischung aus spektakulären Aufnahmen und Tiergeschichten zum Mitfühlen, die nicht nur beeindrucken und berühren, sondern auch zu einem bewussteren Umgang mit der Umwelt anregen sollen. Schließlich, das macht der Off-Kommentar immer wieder deutlich, sind alle Tiere doch unsere Verwandten – und eigentlich sind sie irgendwie auch die besseren Menschen.

Im Team geht vieles besser: Das hat auch der kenianische Gepard erkannt - und geht mit seinen Brüdern gemeinsam auf die Jagd.



Dutzende von Filmteams, vier Jahre Zeit, mehr als 3000 Drehtage und die neueste technische Ausrüstung von den stärksten Teleobjektiven bis hin zu Zeitlupenkameras – für “Unser Leben” konnten die Regisseure Martha Holmes und Mike Gunton wirklich aus dem Vollen schöpfen. Genau genommen ist der Film eine Art “Best of” der zehnteiligen BBC-Serie “Life”, für die das spektakuläre und teils einzigartige Material aus der Tierwelt gesammelt wurde. Während die Folgen der Serie jeweils verschiedene Spezies in den Mittelpunkt stellten – etwa Reptilien, Insekten oder Säugetiere – wählten Holmes und Gunton für die Kinoversion eine andere Dramaturgie: Von der Geburt über Nahrungsbeschaffung und Fortpflanzung bis zur Aufzucht des Nachwuchses werden verschiedene Lebensstationen beleuchtet.

In der Antarktis beginnt die Reise zu den faszinierenden, cleveren und putzigen Protagonisten rund um den Globus. Hier liegt die kalte Kinderstube der Wedellrobben. Von dort geht es rasch weiter in andere Gegenden der Welt, wo Exoten leben, von denen viele Zuschauer wahrscheinlich noch nie gehört haben: der winzige Erdbeerfrosch etwa, der seinen Nachwuchs in Tümpeln in einem Pflanzenkelch großzieht. Oder das kenianische Rüsselhündchen, ein kleines Säugetier, das seine großen Verfolger in einem Labyrinth aus Wegen locker abhängt.

Das muss doch Liebe sein: Wie ein Tanz wirkt die Balzzeremonie der Renntaucher.


Spektakuläre Luftaufnahmen und Superzeitlupen, die auch die kleinsten Bewegungen einfangen, entfalten auf der großen Leinwand eine eindrucksvolle Kraft. Egal, ob es um winzige Blattschneiderameisen oder riesige Buckelwale geht, der Zuschauer hat das Gefühl, die tierischen Protagonisten hautnah zu erleben. Kommentar und Szenenauswahl sind dabei auf ein junges Publikum abgestimmt: Niedliche Tierkinder werden natürlich nie gefressen, die Kleinen schlagen ihren vermeintlich überlegenen Feinden ein Schnippchen, und das Wohl der “Familie” scheint meist an erster Stelle zu stehen. Immer wieder werden die kleinen Zuschauer deutlich darauf hingewiesen, wie ähnlich die Tierkinder ihnen sind: Etwa, wenn kleine Kapuzineräffchen in amüsanten Szenen lernen, Palmnüsse mit Steinen zu knacken, oder junge Lämmergeier sich im Knochenzertrümmern üben. Auch im Tierreich muss man also erst mal bei den Großen in die Schule gehen.

Kalte Kinderstube: Die Wedellrobbe bringt ihr Junges auf dem antarktischen Eis zur Welt.


“Wir entdecken so viel von uns in ihnen”, resümiert denn auch der Kommentar, der in der Originalfassung von Bond-Star Daniel Craig, in der deutschen Version von dessen Synchronstimme Dietmar Wunder gesprochen wird. Mit einer ordentlichen Portion Pathos macht der Film in den zahlreichen Szenen, in denen sich Tiermütter und -väter für den Nachwuchs aufopfern, klar: Unsere Welt wäre wahrscheinlich ein besserer Ort, wenn mehr von ihnen in uns steckte. Die teilweise extreme Vermenschlichung tierischer Verhaltensweisen durch den Kommentar dient also zumindest einem guten Zweck: Sie soll das Bewusstsein für den Umweltschutz wecken. Allerdings hätten die eindrucksvollen Naturaufnahmen das wahrscheinlich auch allein bewirken können.

Text: Barbara Keil / Fotos: Paramount Pictures / Adam Chapman /
Barrie Britton / Joseph Van Os / Getty


Filmbewertung: überzeugend
Starttermin: 15.03.2012
Freigabealter: 0
Verleih: Paramount
Originaltitel: One Life
Laufzeit: 85 Min.