Bayern aus der Sicht von Bitterfeld

Vatertage: Mehrzahl also. Und zweimal Vater macht dann Opa, behauptet jedenfalls die gleichnamige Komödie von Ingo Rasper mit Sebastian Bezzel in der Hauptrolle des bayerischen Hallodris, der fröhlich kiffend in den Tag lebt. Sein Leben nimmt eine drastische Entwicklung, als ein fast erwachsenes Mädchen vor seiner Tür steht und ihr frischgeborenes Baby dabei hat: Zwar kennt er sie nicht, aber wenn sie sagt, dass sie seine Tochter ist, ist er gerade Opa geworden. Ja, und Vater. Spannend ist in dem Zusammenhang nicht die Frage, ob der Mann mit dem Familienzuwachs umgehen kann, sondern ob es dem Film gelingt, die Klischeeklippen zu umschiffen. Ingo Rasper setzte die leichte Komödie „Vatertage – Opa über Nacht“ in Szene.


Die Geschichte hört sich wenig kreativ an. Der Mann ohne Verantwortung soll vermutlich binnen 90 Minuten geläutert werden. Alle Verhaltensmuster, die er 36 Jahre lang kultiviert hat, werden ohne sinnige Erklärungen evakuiert. Basti wird ein netter Papa, vielleicht läuten die Hochzeitsglocken. Alles wieder gut. Fernsehfilm-Niveau, bitte abschalten? „Vatertage“ ist aber nicht so.

Jakob Claussen, Produzent von unendlich vielen erfolgreichen deutschen Filmen, wollte diese Geschichte mit Sebastian Bezzel („Schwere Jungs“) erzählen – noch bevor es ein Drehbuch gab. Das heißt, Bezzel war von Anfang an bei dem Projekt dabei, konnte mitlenken, intervenieren. Der gebürtige Garmischer kennt Bayern von innen, Regisseur Rasper („Reine Geschmackssache“) von außen. Und die Witze über das größte Bundesland werden aus der Perspektive von Bitterfeld eingebracht. Dort ist die Tochter aufgewachsen.

Experimentelle Blasmusik der Brassband Moop Mama wird, zusammen mit anderen Songs, exzellent als stilistisches Mittel eingesetzt. Die Bilder von „Friendship!“-Kameramann Ueli Steiger fotografieren München wirklich schöner als erlaubt ist. Und so erscheint diese Stadt sympathischer als der eigentliche Hauptdarsteller und seine Mischpoke (Heiner Lauterbach als schwuler Vater, Monika Gruber als überspannte Schwester).


Dieser Basti mag zwar ganz charmant sein, aber ein wirklich Netter ist er nicht. Das Drehbuch platziert genug Hinweise, die ihm mehr als nur kleine Fehler attestieren. Er ignoriert mit großer Dreistigkeit, womit er nicht umgehen mag und verpackt das Leben, das er führt, mit wunderschönem Papier. Er sieht sich nicht als Verlierer, der auf die richtige Berufslaufbahn gebracht werden muss, fühlt sich wohl im Mini-Rikscha-Betrieb, macht Musik mit seinen Freunden und lebt im vermutlich alternativsten Wohnhaus der Stadt. Erstaunlich auch, wie selbstverständlich in einem bayerischen Film weiche Drogen konsumiert werden.

Basti und seine Tochter Dana (Sarah Horváth) begegnen sich auf Augenhöhe, die Dialoge weichen von der Norm ab. Das liebevoll ausgearbeitete Drehbuch nimmt die Thematik durchaus ernst. Das bedeutet jedoch nicht, dass sich der Neu-Vater vom erdrückenden Drama, das ihn ereilt, die Luft abschnüren lässt. Mit Humor und Reibungsflächen unterhält Regisseur Ingo Rasper unangestrengt und fast bis zum Ende sehr gut, ohne seine Hauptfigur im Kern zu verändern. Die scharfen Kurven und wilden Richtungswechsel zum Schluss zollen dem Genre Tribut. Sieht man darüber hinweg, ist „Vatertage“ eine ungewöhnlich schön erzählte Komödie, die sich vom verbrauchten Schema abhebt. Schade nur, dass das Plakat eine typische Neunzigerjahre-Komödie erwarten lässt.

Text: Claudia Nitsche / Fotos: Studiocanal
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: überzeugend
Genre: Komödie
Freigabealter: 0
Verleih: Studiocanal
Laufzeit: 92 Min.