Ihrer Zeit voraus

Iris von Roten wusste, worauf sie sich einließ: „Es ist so schwer, etwas zu schreiben, dass einem Todfeindschaft einbringen wird“, lässt Werner Schweizer die von Mona Petri gespielte Frauenrechtlerin in seinem Doku-Drama „Verliebte Feinde“ seufzen, während sie ihrem Buch „Frauen im Laufgitter“ den letzten Schliff gibt. Die Schweizer Juristin beklagt darin unter anderem, dass der Mangel an Krippenplätzen Mütter am beruflichen Fortkommen hindere. Dass die Gesellschaft Männer und Frauen noch immer in traditionelle Rollenbilder dränge. Und auch, dass sich Frauen zu wenig zutrauen würden. Wäre Iris von Rotens Buch dieser Tage erschienen, hätte sie mit diesen Feststellungen als Talkgast bei Jauch, Plasberg und Co. wohl viel zustimmenden Applaus erhalten. Doch es war 1958, als die Frauenrechtlerin ihre Thesen aufstellte – und in ihrem Heimatland gerade über die Einführung des Frauenwahlrechts abgestimmt wurde.

Szene mit Fabian Krüger und Mona Petri.
„Wenn ich Iris nicht kennen würde, wäre ich der glücklichste Mann der Welt“, resümierte Peter von Roten (Fabian Krüger) einmal. Was wohl nicht ohne Weiteres von der Hand zu weisen sein dürfte: Wie oft wurde von Roten gefragt, warum er, ein adeliger Politiker der katholisch-konservativen Partei, ausgerechnet diese „streitsüchtige Emanze“ heiraten musste, die mit ihren aufrührerischen Thesen die „gottgewollte“ Gesellschaftsordnung in Frage stellt. Er weiß, warum: „Ich bin wie einer, der aus dem Reich der Feen einen Duft eingeatmet hat, und dem die menschlichen Frauen nun nicht mehr schön düngen.“ Und so ließ Peter von Roten seine freiheitsliebende Frau nicht nur gewähren, sondern unterstützte sie aktiv – ob er nun gemeinsam mit ihr für das Frauenwahlrecht kämpfte oder akzeptierte, dass sie ohne ihn auf einem anderen Kontinent ihren sexuellen Horizont erweiterte.

So wenig konventionell wie die Ansichten der von Rotens zu ihren Lebzeiten waren, ist auch die Art, auf die Werner Schweizer ihre Geschichte nacherzählt: „Verliebte Feinde“ ist weniger eine Dokumentation, die mit Spielszenen unterfüttert wird, sondern mehr ein stimmig besetzter Spielfilm, den Zeitzeugen manchmal etwas unvermittelt mit ihren Aussagen ergänzen. Selbst wenn man die interessanten Einschätzungen und Anekdoten von Peter von Rotens Schwester, Iris von Rotens Assistentin oder der gemeinsamen Tochter des Ehepaares vollständig herauskürzte, würde das Doppel-Biopic problemlos als penibel recherchiertes Kostümdrama durchgehen – mit Spannungsbogen und allem Drum und Dran.

Szene mit Mona Petri.
Der deutlichste Unterschied zu herkömmlichen Doku-Formaten besteht dabei wohl darin, dass überdurchschnittlich viel im Dialog vermittelt wird. Wilfried Meichtry, der auch die Buchvorlage schrieb, fand dafür Zeilen, die in Temperament und Wortwahl sehr gut zu dem Paar zu passen scheinen, aus dessen umfangreicher Korrespondenz oft zitiert wird.

Einzig, dass Schweizer und Meichtry ihre Hauptfiguren „Verliebte Feinde“ nennen, wirkt etwas widersinnig: Wenn Feinde per Definition Menschen sind, die einen bekämpfen, hatte Iris von Roten sicher mehr als genug davon. Doch ihr Mann Peter sollte – so loyal, wie er im Film gezeichnet wird – nicht dazugezählt zu haben.

Text: Annekatrin Liebisch / Fotos: Rendezvous
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: überzeugend
Genre: Drama
Freigabealter: 0
Verleih: Rendezvous
Laufzeit: 116 Min.