Die Leiden des jungen C.

Und dann kommt dieser Moment, in dem das Ausmaß des Dramas einen schier überwältigt. Nicht ganz unverhofft, immerhin spielt Melancholie nach Logan Lerman und Emma Watson gewissermaßen die dritte Hauptrolle in der US-Dramödie „Vielleicht lieber morgen“. Doch eigentlich wähnte man, den Grund für ihre Anwesenheit längst gehört zu haben. Stephen Chbosky wiegt das Publikum bei der Verfilmung seines eigenen Romans sehr lang in der Sicherheit einer Indie-Pop-befeuerten Coming-of-Age-Geschichte, die den Mikrokosmos High School aber aus der Sicht ungewöhnlich gut gezeichneter Figuren zeigt. Bis deutlich wird, wo die Probleme des Außenseiters Charlie wirklich ihren Ursprung haben – und die nachdenkliche Geschichte noch einmal an Tiefe gewinnt.


Stephen Chbosky macht gar kein Geheimnis daraus, dass Charlie (Logan Lerman) traumatisiert ist: Von seiner Angst vor dem ersten Tag an der neuen Schule erfährt man aus einem aus dem Off vorgelesenen Brief, den der 16-Jährige auf Anraten seines Therapeuten an einen imaginären Freund schreibt. Einen realen Freund hat er seit dem Selbstmord seines besten Kumpels nicht mehr.

Logan Lerman, der in seinen Hauptrollen in „Percy Jackson – Diebe im Olymp“ (2010) und „Die drei Musketiere“ (2011) eher mit exaltierter Gestik auffiel, spielt diesen Charlie äußerst feinfühlig und zurückgenommen: Er verleiht dem schüchternen Jungen eine Ungelenkheit, die etwas sympathisch Komisches an sich hat, die Figur aber dennoch nicht der Lächerlichkeit preisgibt. Man kann gut nachfühlen, wie viel Überwindung es diesen unsicheren Teenager kosten muss, bei einem Footballspiel den Klassenclown Patrick (Ezra Miller, „We Need To Talk About Kevin“) und seine quirlige Stiefschwester Sam (Emma Watson mit einem tollen Post-„Harry Potter“-Debüt) anzusprechen. Sein Mut wird belohnt – der ruhige Beobachter wird Teil einer Clique, die das Anderssein zum Glücksprinzip erhoben hat.

Seine Verkrampftheit wird Charlie auch in diesem neuen, ihm wohlgesonnenen Umfeld nie ganz ablegen – man würde es seiner Figur auch nicht glauben. Doch langsam, ganz langsam blüht der Teenager auf, während er im neuen Freundeskreis erste Erfahrungen mit weichen Drogen, dem anderen Geschlecht und der Rocky Horror Show sammelt.


Schon in seinem Briefroman bewies Chbosky eine große Sensibilität für die Sorgen, Nöte und Gefühle derer, die sich in dieser verwirrenden Phase zwischen Kindsein und Erwachsenwerden befinden. Er betrachtet seine Figuren auf Augenhöhe, nimmt ihre Probleme ernst und macht sie anderen verständlich. Dass ihm das nun auch in seiner Inszenierung gelingt, verdient sogar noch mehr Anerkennung – sich von den eigenen Zeilen zu lösen und plötzlich in Bildern statt in Worten denken, ist eine Aufgabe, der wirklich nicht jeder Autor gewachsen ist.

Mit warmherzigem Humor und nostalgischem Blick auf die späten 80-er (Mixtapes! The Smiths! David Bowie!) lenkt Chbosky sowohl Charlie als auch die Zuschauer von der Erinnerung an ein lang verdrängtes Erlebnis ab, die sichtbar hartnäckig einen Weg zurück in Charlies Bewusstsein sucht. Sehr spät ergeben die sekundenkurzen Flashbacks, die immer wieder aufblitzen, ein vollständiges, grauenhaftes Bild: Es liefert die traurige Erklärung dafür, warum die Hauptfigur so ist, wie sie ist. Man muss Chbosky dafür danken, dass er sich diese Enthüllung bis zum Schluss aufhob – ansonsten wäre sein durch und durch lebensbejahendes Independent-Dramödchen wohl von unerträglicher Schwermut erdrückt worden.

Text: Annekatrin Liebisch / Fotos: Capelight
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: The Perks of Being a Wallflower
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Capelight (Central)
Laufzeit: 102 Min.