Richard Wagner – ein Erklärungsversuch

„Kulturelle Vergewaltigung“ nannte Efraim Zuroff, Direktor des Simon Wiesenthal Centers, die Zugabe, die Daniel Barenboim und die Berliner Staatskapelle 2001 beim Israel-Festival zum Besten gaben: das Vorspiel aus der Oper „Tristan und Isolde“. Richard Wagner. In Jerusalem. „Eine unerträgliche Provokation“ befand der damalige Bürgermeister Ehud Olmert. Denn mit dem Namen Wagner lassen sich eben nicht nur fulminante Musikdramen in Verbindung bringen, sondern auch antisemitische Schriften und Aufnahmen von Nationalsozialisten, die zu den Klängen seiner Werke aufmarschieren. Eine Verknüpfung, die für Stephen Fry einen Gewissenskonflikt bedeutet: Der britische Schauspieler ist Jude und glühender Wagner-Verehrer. In Patrick McGradys Dokumentation „Wagner & Me“ (2010) setzt er sich mit seinem Idol auseinander.

Verzückt lauscht Stephen Fry in der Villa Wesendonck einer Aufführung von "Träume".


Wo, wenn nicht in Bayreuth sollte die Reise beginnen, die Stephen Fry auf Richard Wagners Spuren durch Deutschland, Russland und die Schweiz führt? Zwar erblickte der Komponist 1813 in Leipzig das Licht der Welt, doch Bayreuth war die Stadt, in der Wagner seine Vision vom Musikdrama im eigenen Festspielhaus verwirklichen konnte. „Für Wagner-Fans ist Bayreuth Stratford-upon-Avon, Graceland und Mekka in einem“, resümiert Stephen Fry, der seine Begeisterung kaum zügeln kann. Und so enthusiastisch, humorvoll und bildhaft, wie der wortgewandte Schauspieler die Lebens- und Schaffensgeschichte des musikalischen Genies nahebringt, ist es nahezu unmöglich, sich nicht mitreißen zu lassen.

Seit er als Zwölfjähriger „Tannhäuser“ auf einem Grammophon hörte, ist Fry Wagners Werken verfallen. Natürlich drängt sich angesichts des freudigen Quiekens, das der Rose d’Or-Gewinner beim Betreten des Festspielhauses ausstößt, schnell der Verdacht auf, dass es mit der kritischen Auseinandersetzung mit Wagner nicht weit her sein könnte. Doch so groß Frys Euphorie auch sein mag, wenn er bei den Vorbereitungen der Bayreuther Festspiele Mäuschen spielen und an Wagners eigenem Klavier den Tristanakkord erklären darf, lässt sich der prominente Nachkomme österreichischer Juden nie völlig von ihr wegtragen. Dafür grämt ihn selbst der Ruf zu sehr, der Richard Wagner nach wie vor anhaftet: der des Antisemiten, dessen Musik von Hitler quasi zum Soundtrack seiner Schreckensherrschaft stilisiert wurde.

Stephen Fry ist im Himmel: Er spielt den Tristanakkord auf Richard Wagners eigenem Klavier.


Fry lässt sich die Umstände erklären, unter denen Wagners berüchtigter Aufsatz „Das Judenthum in der Musik“ entstand, und inspiziert sichtlich bewegt das Nürnberger Zeppelinfeld, auf dem Hitler – womöglich inspiriert von seiner Lieblings-Wagneroper „Die Meistersinger von Nürnberg“ – zu Reichsparteitagen aufmarschieren ließ. Auch die unrühmlichen Kapitel aus der Geschichte der Bayreuther Festspiele haben in Patrick McGradys Dokumentation Platz.

In der Kürze der Zeit geben der Filmemacher und sein Protagonist einen aufschlussreichen Überblick über die Person Wagner, sein Werk sowie seinen Einfluss auf die Musik und die Gesellschaft. Man bemüht sich dabei aufrichtig um Ausgewogenheit – wobei Frys Leidenschaft für Wagners Musik einen deutlich größeren Eindruck hinterlässt als seine durchaus ernstzunehmenden Fragen nach dem Dunkel, das mit dem Namen ihres Verfassers assoziiert wird. Der Schluss, zu dem Fry selbst nach Anhörung aller Fachmänner und -frauen in der Causa Wagner kommt, ist übrigens nicht der unvernünftigste: Hitler habe schon genug zerstört, um ihm auch noch Wagners Werke zu opfern, resümiert er. – Ein für diese Tage in Tel Aviv vorgesehener Konzertabend, an dem ausschließlich Wagners Werke gespielt werden sollten, fand nach unfangreichen Protesten übrigens nicht statt.

Text: Annekatrin Liebisch / Fotos: Film Kino Text
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Wagner & Me
Genre: Dokumentarfilm
Freigabealter: 0 (beantragt)
Verleih: Film Kino Text
Laufzeit: 89 Min.