Bis aus Lachen Weinen wird

„Was bleibt“ ist kein Familienfilm. Hans-Christian Schmid, der umsichtigste deutsche Regisseur, inszeniert nicht einfach ein kammerspielartiges Drama um zwei ungleiche Brüder und ihre Eltern. Er schält viel mehr aus seiner Erzählung Dinge, die man weder erwarten noch einordnen kann. Schmids Filme wirken nach – und mehr als seinen bosnischen „Sturm“ (2009) und sein erzkatholisches „Requiem“ (2006) will man „Was bleibt“ sofort nach dem Abspann noch einmal sehen. Denn erst da begreift man, wo er hin wollte.


Bei seiner dritten Zusammenarbeit in Folge mit Autor Bernd Lange setzt der Regisseur auf bewährte deutsche Schauspieler. Denn die Geschichte nährt sich über ihre Figuren. Sie reagieren aufeinander, hören penibel hin – wissen auch mehr als der Zuschauer, der an einem Wochenende Zaungast sein darf im noblen Einfamilienhaus im Grünen.

Marko (Lars Eidinger, „Alle anderen“) fährt im Zug von Berlin nach Hause, an den Ort, an dem der eigene Lebensplan für 48 Stunden brachliegt, und man unvermeidbar Kind ist. Eigentlich muss der ältere der Brüder nicht sonderlich viel auf Eis legen. Er ist Lethargiker, vergisst immer anzurufen, seine Beziehung ist gescheitert. Der Mittdreißiger will seine Ruhe und bemüht sich um familären Frieden.

Ganz anders sein Bruder, der im Anbau der Eltern versucht, erfolgreich zu sein. Jakob (Sebastian Zimmler) ist fast noch unzufriedener als sein Bruder, dem er vorwirft, keine Verantwortung zu übernehmen. Die Eltern Gitte (Corinna Harfouch) und Günter (Ernst Stötzner) sind schon ewig verheiratet. Eigentlich wirken die Heidtmanns ganz aufgeklärt, fast ein bisschen abgeklärt. Doch die Akteure finden im lange Zeit kammerspielartigen Film einen glaubwürdigen Ton.

Es herrscht ein vorsichtiger, intellektueller Sarkasmus im Umgang miteinander. Die Umgebung wirkt streng, und die Handlung kommt zögerlich ins Laufen. Aber wie soll auch etwas passieren, mit drei solch passiven Männern? Der einzig aktive Posten ist die Mutter. Die feiert ihr „30-jähriges Jubiläum mit ihrer Krankheit“, wie sie sagt. Daran, dass es ihr besser geht und sie keine Tabletten gegen die Depression mehr braucht, will keiner glauben. Trotzdem will sie die Medikamente absetzen und erschüttert mit diesem Wunsch das Gerüst, das das fragile Gebilde zusammenhielt. Ganz langsam fängt der polnische Kameramann Bogumil Godfrejow die Reaktionen ein. Offensichtlich hat die immer schön unter den Teppich gekehrte Krankheit alle bis in die Gegenwart hinein geprägt. Allmählich werden die anfangs spröden Bilder vielschichtiger.


Alle hüten Geheimes, bis aus Lachen Weinen und das schauspielerische Potenzial vollständig abgerufen wird. Hans-Christian Schmid fügt in nicht für möglich gehaltener Langsamkeit sein Mosaik zusammen, die Band The Notwist spielt wieder die verstörende Musik dazu. Und als dann „etwas Schlimmes passiert“, die Hintergründe klarer werden, würde man als Zuschauer fast auch lieber eine Tablette einnehmen, um das Gehörte leichter zu ertragen.

Mit seiner ungewöhnlichen Dramaturgie und dem mutigen Drehbuch ist Schmid hohes Risiko gegangen und macht sich angreifbar. Denn „Was bleibt“ ist eine kleine, enge Geschichte, ohne Anspruch auf Übertragbarkeit. Sie schaut in die festgefahrene Welt der Heidtmanns. Und nur dorthin. Es ist eigentlich nicht mal ein Familiendrama, sondern eine Geschichte über Menschen, die sich ineinander verhakt haben.

Text: Claudia Nitsche / Fotos: © Pandora Film / 23/5 Filmproduktion
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: Meisterwerk
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Zorro
Laufzeit: 88 Min.