Der Traum von Freiheit

Eine Garantie auf Erfolg gibt es nicht, schon gar nicht für junge deutsche Filmemacher. Aber so ein Studentenoscar scheint doch eine wegbereitende Wirkung zu haben: „Good Bye, Lenin!“-Regisseur Wolfgang Becker erhielt seinen 1988, Katja von Garnier („Bandits“) holte sich ihren 1994 ab. Und der spätere „John Rabe“-Regisseur Florian Gallenberger gewann mit seinem Kurzfilm „Quiero ser“ 2000 nicht nur den Studentenpreis, sondern im Jahr darauf auch den „richtigen“ Oscar. Nun ist Toke C. Hebbeln, Preisträger des Jahres 2007 („Nimmermeer“), an der Reihe, sein Kinodebüt zu geben. Dass er für sein DDR-Drama „Wir wollten aufs Meer“ Hochkaräter wie Alexander Fehling, August Diehl und Ronald Zehrfeld gewinnen konnte, ist doch schon mal ein guter Anfang …


Vom Matrosenleben träumten Cornelius (Fehling) und Andreas (Diehl), als sie 1982 im Rostocker Hafen ankamen. Mit Archivbildern und der Kulisse des Hamburger Hafens rekonstruierte Toke C. Hebbeln das, was den DDR-Bürgern das Tor zur Welt war.

Wie lange es dauerte, bis die Euphorie der beiden Freunde dort in Verzweiflung umschlug, die durch kalte Ausleuchtung sichtbar gemacht wird, erfährt das Publikum nicht. Doch vom Ausmaß ihrer Verzweiflung erhält es nach dem Zeitsprung um drei Jahre einen sehr genauen Eindruck: „Conny“ und „Andy“ sind immer noch an Land. Und bereit, ihren Vorarbeiter (Zehrfeld) an die Stasi auszuliefern, um dann vielleicht endlich in See stechen zu dürfen. Doch im letzten Moment vernichtet Conny das heimlich angefertigte Tonband, auf dem ihm der vertrauensselige Kollege seine Fluchtpläne offenbarte.

Als die Stasi den Flüchtling dennoch kassiert, beginnt Conny an Andy zu zweifeln: War er der Verräter? Eine Weile hält sich Regisseur Hebbeln noch bedeckt: Zwar zeigt er, wie sich Andy mit den Stasi-Leuten trifft, schneidet jedoch wiederholt an den Stellen, an denen dem mutmaßlichen Spitzel eine Entscheidung abverlangt wird. Widerstand Andy also dem Werben der Stasi vielleicht doch? So wie Conny, dem man drohte, im Falle der Verweigerung seine vietnamesische Geliebte (Thao Vu) abzuschieben? Zumindest für den Zuschauer herrscht bald ein wenig mehr Klarheit in dieser Aneinanderreihung verwirrender Komplotte: Auch der Fluchtversuch von Conny und seiner Freundin fliegt auf. Conny landet im Gefängnis – Andy im Dienst der Staatssicherheit.


Was Andy zu seinem intrigranten Handeln antreibt – Rachegefühle? Frustration? Diensteifer? Eifersucht? – bleibt dabei so unklar wie das eigentliche Hauptanliegen des Regisseurs. Hebbeln streift sehr viele Gebiete aus dem umfangreichen Themenkomplex DDR, auch einige, die im Kino leider bisher kaum Beachtung fanden: Etwa das Los der vietnamesischen Gastarbeiter, die im Arbeiter-und-Bauern-Staat zwar willkommen waren, jedoch möglichst unter sich bleiben sollten. Oder aufgrund welcher Überlegungen viele an sich unauffällige DDR-Bürger daran gehindert wurden, ihren Traumberuf zu ergreifen. Doch auch im Drehbuch von Hebbeln und Ronny Schalk sind diese unerzählten Geschichten lediglich Randnotizen, Fußnoten, die dem fiktiven Plot Authentizität verleihen sollen.

Leider ist das auch nötig: Nicht selten lässt sich Hebbeln zur Schwarz-Weiß-Malerei hinreißen, sowohl bei der Zeichnung vieler Nebencharaktere als auch bei der Ausarbeitung der Dialoge. Damit verleiht er nicht nur seiner Inszenierung etwas Krampfhaftes, er steckt auch dem Spiel einiger seiner handverlesenen Darsteller sehr, sehr enge Grenzen.

Das macht „Wir wollten aufs Meer“ nicht per se zum schlechten Film. Nur erinnert Hebbeln in seinem Kinodebüt selbst daran, dass es zu diesem Thema schon andere Dramen gab – bessere: Mühelos erkennt man im Film Hebbelns kleine Hommage an Florian Henckel von Donnersmarcks „Das Leben der Anderen“ (2006). Und dass Zehrfeld vor nicht allzu langer Zeit eine tragende Rolle in Christian Petzolds „Barbara“ spielte, wurde erst vor Kurzem wieder ins Gedächtnis gerufen, als eine Jury das DDR-Drama zum deutschen Oscar-Beitrag erhob. Studentenoscar hin oder mehr – mit dem Oscargewinner und der Oscarhoffnung kann Toke C. Hebbeln noch nicht mithalten.

Text: Annekatrin Liebisch / Fotos: Wild Bunch Germany
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: überzeugend
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Wild Bunch
Laufzeit: 116 Min.