Wie stirbt man den Heldentod?

Donalds Chancen stehen schlecht. Richtig, richtig schlecht: Der 15-Jährige wird in nicht allzu ferner Zukunft an Krebs sterben. Er weiß es, und da seine Geschichte den nicht sonderlich optimistischen Titel „Am Ende eines viel zu kurzen Tages“ trägt, weiß es das Publikum sogar noch besser. Unausweichlich steuert das deutsch-irische Drama auf jenen deprimierenden Moment zu – und dennoch bleibt es weit davon entfernt, rührselig oder verbittert zu sein. Denn eigentlich ist nicht der Tod das zentrale Thema des Films. Sondern die Erfahrungen, die nötig sind, um ihm mit Mut begegnen zu können.


Die Aufregung über seinen Spaziergang auf dem Geländer der Autobahnbrücke kann Donald (Thomas Brodie-Sangster) nicht so ganz nachvollziehen. Sterben wird er doch sowieso bald. Warum sollte er noch auf den Moment warten, in dem er wie eine alte Frau im Krankenhausbett für immer die Augen schließt? Überzeugend finden die besorgten Eltern des krebskranken Iren diese Argumentation nicht. Mal wieder schleifen sie ihren trotzigen Sohn zu einem neuen Psychiater. Und schlimmer noch: Sie händigen ihm Donalds Zeichnungen aus!

Nur in den düsteren Comics offenbart sich, dass sich hinter Donalds Schutzmauer aus Wut und Coolness auch Ängste verbergen. Wann immer seine Krankheit die Oberhand gewinnt oder Donald bewusst den Tod herausfordert, erwachen seine Zeichnungen auf der Leinwand zum Leben. In dem Film, der sich in Donalds Kopf abspielt, ist er ein schweigsamer Superheld. Sein Gegenspieler, Donalds Krankheit, wird von einem finsteren Gesellen namens „The Glove“ und dessen Assistentin in Schwesternmontur verkörpert. Sie treffen in kurzen Zeichentricksequenzen aufeinander, die Tony Cranstoun mit fantasievollen Übergängen in den Realfilm schneidet und Marius Ruhland mit bedrohlichem Soundtrack untermalt. Meist enden diese Begegnungen damit, dass der Held seinem sicheren Ende nur knapp entgeht.

Tatsächlich gelingt es Dr. Adrian King (Motion-Capture-Meister Andy Serkis mal in natura), die Gedanken des Jungen an weniger dunkle Orte zu lenken – mehr als väterlicher Freund denn als Psychiater. Einen größeren Anteil an diesem Erfolg hat jedoch Donalds Klassenkameradin Shelly (Aisling Loftus), die dem Teenager mit ihrer herrlich unkonventionellen Art den haarlosen Kopf verdreht.


Wunderbar subtil lässt Regisseur Ian Fitzgibbon diese und weitere Nebenfiguren – etwa Jessica Schwarz als Prostituierte – Einfluss auf den Todkranken nehmen. Der damit verbundene Wandel in Donalds Charakter und Einstellung verlangt Thomas Brodie-Sangster eine enorme Palette Emotionen ab: Von wütend bis verletzlich, rotzig bis schüchtern, panisch bis gelassen. Der 22-Jährige löst die schwierige Aufgabe mit Bravour: Alle Höhen und alle Tiefen an Donalds Lebensabend erlebt der Zuschauer durch seine intensive, aber nie übertriebene Darstellung mit. Dabei bekam der Brite die Rolle nur, weil sein Landsmann Freddie Highmore absagen musste.

Noch mehr Respekt gebührt jedoch Regisseur Ian Fitzgibbon – dafür, dass er sich beim Aufrollen dieses enorm schwierigen Themas nie im Ton vergreift: Ein 15-Jähriger stirbt in seinem Film, dennoch sagt „Am Ende eines viel zu kurzen Tages“ viel mehr über das Leben als über den Tod aus. Das Drama schafft es, dem Tod seinen Schrecken zu nehmen, ohne ihn zu verharmlosen. Vor allem jedoch stellt es wortlos heraus, dass man dem Tod nicht mutig begegnet, indem man sich selbst das Leben nimmt. Sondern indem man das Leben meistert. Egal, wie kurz es sein mag.

Text: Annekatrin Liebisch / Fotos: NFP / Bavaria Pictures / Bernard Walsh
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Death Of A Superhero
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: NFP
Laufzeit: 96 Min.