Whiskey als Bewährungshelfer

Den Zuschauern am Ende ein Lächeln auf das Gesicht zu zaubern, das gehört nicht gerade zu den üblichen Anliegen des schottischen Sozialdramen-Regisseurs Ken Loach. Doch ab und zu erlaubt er sich mal leichtere Kost, jetzt mit der bittersüßen Dramödie „The Angels’ Share“. Darin nimmt das Leben des kriminellen Nichtsnutzes Robbie (Paul Brannigan) eine unerwartete positive Wendung als ihn sein Bewährungshelfer mit Whisky vertraut macht. Ein märchenhafter Funken Hoffnung für alle, die sich schon endgültig auf der Straße der Verlierer sehen, und ein warmherziges Plädoyer dafür, keinen Menschen aufzugeben.


Die Geschichte stellt den jungen Glasgower Robbie (Paul Brannigan) in den Mittelpunkt. Gefangen in einem Teufelskreis aus Arbeitslosigkeit, Gewalt und Kriminalität landet er wieder vor Gericht. Die Tatsache, dass er bald Vater wird, rettet ihn vor einer Haftstrafe. Der Richter verdonnert Robbie zu 300 Stunden gemeinnütziger Arbeit. Hier trifft der junge Mann seine neue „Gang“, alles harmlose junge Menschen, die ihr Leben aber nicht auf die Reihe bekommen. Doch Robbie will es jetzt wirklich noch einmal probieren und verspricht seinem neugeborenen Sohn, sich zu ändern.

Als Glückfall für ihn und die „Gang“ erweist sich der Sozialarbeiter Harry (John Henshaw). Ein gestandener Mann, der selbst erfahren hat, dass einem das Schicksal übel mitspielen kann. Doch aufgeben gilt nicht, und das will er auch seinen Schützlingen vermitteln.

Während Alkohol in Ken Loachs preisgekröntem Film „My Name is Joe“ noch für Verelendung und Hoffnungslosigkeit stand, macht Loach Hochprozentiges jetzt zum erfolgreichen Bewährungshelfer für gefallene Jugendliche. Der Whiskey-Kenner Harry nimmt die Gruppe mit auf eine Führung in einer lokalen Destillerie. Genuss statt Besäufnis heißt die Devise und Robbie taucht in eine Welt ein, in der Hunderttausende für die hochprozentigen Tropfen gezahlt werden. Mit Hilfe seiner Freunde und überraschender Cleverness gelingt es ihm, sich seinen Anteil davon und damit ein Stück normales Leben zu holen. Underdogs spielen Trickdiebe – ohne Fluchtfahrzeug, zu Fuß im Kilt unterwegs in den Highlands – so sieht das aus, wenn Ken Loach ein Heist-Movie inszeniert.


Loach plädiert in seinen mitfühlenden und authentischen Filmen nicht nur dafür, auch den hoffnungslosesten Fällen noch eine Chance zu geben. Er unternimmt selbst etwas. Hoffnungslosigkeit, keine Arbeit, Drogen und niemand, der sich für diese verlorengehende Generation interessiert – das alles kennen die jungen Hauptdarsteller aus Ken Loachs Film aus ihrem eigenen Leben. Ohne Schauspielausbildung liefern sie als ganz spezielle Typen eine überzeugende, mitreißende und witzige Performance.

Humor, so hat Ken Loach in den vielen Jahren im Milieu gelernt, gehört mit zu den Eigenschaften, mit denen sich ein düsteres Dasein besser ertragen lässt. Dieser kommt also auch in seinem Film nicht zu kurz. Einen Schnellkurs in Whiskologie gibt’s gratis dazu, angefangen mit dem poetischen Ausdruck „The Angel’s Share“, der für den über Jahre verdunstenden Teil aus einem Whiskyfass steht. Und nicht immer schnappen sich diesen nur die Engel …

Text: Diemuth Schmidt / Fotos: 2012 Prokino Filmverleih GmbH
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: The Angels’ Share
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Prokino
Laufzeit: 101 Min.