Keine Helden, gar nichts super

Ehrlich: Wenn erwachsene Männer sich in hautenge Latexanzüge quetschen und sich selbst ulkige Namen verpassen wie etwa der Fledermausmann, Herr Fantastisch oder die Grüne Laterne, um anschließend ein paar missliebigen Herrschaften ordentlich eins auf die Nase zu geben, kann das zwar reichlich aufregend sein – aber auch reichlich kindisch. Demnächst sind die “Avengers” (Start: 26.04.) damit dran, lustige Sprüche zu klopfen und nebenher ein bisschen die Welt zu retten. Vorher aber schleicht sich noch ein unauffälliger, kleiner Superheldenfilm in die deutschen Kinos. Und überrascht: Trotz seiner jugendlichen Helden ist “Chronicle” wesentlich erwachsener als die überbudgetierten Hollywood-Epen – aber kein bisschen weniger spannend.

Andrew (Dane DeHaan) filmt sein ganzes Leben - auch dann noch, als es aus den Fugen gerät.


Andrew (Dane DeHaan) hat ein ziemlich beschissenes Leben: Er wohnt in einem heruntergekommenen Vorort von Seattle in einem heruntergekommenen Haus. Im Schlafzimmer siecht seine Mutter dem Tod entgegen, im Wohnzimmer versucht sich sein überforderter Vater mit Fernsehen und Dosenbier bei Laune zu halten, was selten gelingt. Die Schule ist auch kein sicherer Hafen: Wenn’s gut läuft, wird Außenseiter Andrew gemieden, wenn’s schlecht läuft, gemobbt. Sein einziger Freund Matt (Alex Russell) wäre wohl auch nicht sein Freund, wenn die beiden nicht verwandt wären.

Dieses deprimierende Leben ändert sich schlagartig, als er eines Abends gemeinsam mit Matt und dem Schulsprecher Steve (Michael B. Jordan) eine unheimliche Entdeckung macht. Was das unheimliche, blau pulsierende Ding ist, das die Jungs in einer Höhle finden, wird nie so recht klar. Ist aber auch nicht weiter wichtig. Wichtig ist allein: Sie haben jetzt Superkräfte! Und die nutzen sie aus. Sie spielen im Supermarkt kleinen Mädchen Streiche mit fliegenden Teddybären, essen ihre Burger auf den Dächern von Wolkenkratzern oder rammen sich gegenseitig Gabeln in die unverwundbaren Hände. Was 16-Jährigen eben so einfällt. Die Welt retten? Wieso denn?

Doch natürlich bleibt der paradiesische Zustand im adoleszenten Superheldentum nicht lange bestehen. Andrew lernt nicht nur, Freundschaft zu schätzen, sondern auch Macht. Es wird immer schwieriger zu entscheiden, was ihm letztlich mehr bedeutet. Und wie er sich noch zügeln lässt.

Steve, Andrew und Matt (von links: Michael B. Jordan, Dane DeHaan, Alex Russell)
stoßen im Wald auf etwas, das ihr Leben für immer verändert.



Es ist eine erfrischende Sichtweise, die Regisseur Josh Trank und sein Co-Autor Max Landis auf das Genre eröffnen: Selten waren Superhelden so wenig super, so wenig Helden, so menschlich. Einen Glückstreffer landeten Landis und Trank außerdem mit ihrem ebenso erfrischenden Darstellertrio: Michael B. Jordan, Dane DeHaan und Alex Russell sind noch keine bekannten Gesichter, aber auch keine blutigen Anfänger mehr. Und sie sind mit so viel Spaß bei der Sache, dass man sich auch noch über die albernsten Dumme-Jungen-Streiche ihrer Figuren amüsieren kann. Insbesondere DeHaan fällt auf: Er sorgt für einige berührende Momente, wenn sein schüchterner Andrew sich zum ersten Mal anderen Menschen öffnet – und kann gleichzeitig größte Grausamkeiten mit eiskaltem Desinteresse präsentieren.

Einziger Störfaktor in dem 84 Minuten kurzen Thriller ist die Kameraführung. “Chronicle” ist ein sogenannter Found-Footage-Film; er basiert auf scheinbar gefundenem Material: Andrews Videotagebuch, die Clips einer Bloggerin, Aufzeichnungen von Überwachungskameras. Nötig wäre die holprige Erzählweise nicht unbedingt gewesen, zusätzliche Facetten gewinnt die Geschichte dadurch kaum. Andererseits kommt Trank auf diese Weise ganz nah heran an seine Helden – pardon: Figuren. Helden sehen anders aus. Zum Glück.

Text: Sabine Metzger / Fotos: 2012 Twentieth Century Fox

Filmbewertung: ausgezeichnet
Starttermin: 19.04.2012
Freigabealter: 12
Verleih: Fox
Originaltitel: Chronicle
Laufzeit: 84 Min.