Nostalgisches Grauen

Bewährte Werte: Ein abgelegenes Haus. Eine sympathische Familie. Unheimliche Geräusche in der Nacht – und dann die ersten Angriffe … Ja, tatsächlich, die Zutaten, die James Wan für „Conjuring – Die Heimsuchung“ verwendet hat, sind nicht eben neu. Sogar seinen Hauptdarsteller Patrick Wilson hat er schon in seinem letzten Horrorfilm „Insidious“ (2010) bespuken lassen! Doch was auf den ersten Blick nach schnödem Recycling aussieht, ist vielmehr eine ebenso liebe- wie grauenvolle Renovierung.

Szene mit Patrick Wilson und Vera Farmiga.
1971, Rhode Island: Mit fünf Töchtern wurde die Ehe von Roger (Ron Livingston) und Carolyn Perron (Lili Taylor) gesegnet. Als die Eltern ein vergleichsweise günstiges Haus für ihre Großfamilie ergattern können, sind sie also sehr glücklich – zunächst. Denn schon kurz nach dem Einzug entwickelt sich das neue Heim zum Albtraumhaus. Dass jede Nacht sämtliche Uhren um die selbe Zeit stehen bleiben, ist erst mal nur nervig. Dass es immer wieder unerklärlicherweise an allen möglichen und unmöglichen Stellen nach fauligem Fleisch riecht, schon besorgniserregend. Aber richtig unheimlich wird es, als die Kinder nächtlichen Besuch bekommen, der zwar unsichtbar bleibt, aber handgreiflich wird.

Die Perrons holen sich Hilfe: Die bekannten Geisterforscher Ed (Patrick Wilson) und Lorraine (Vera Farmiga) Warren rücken den übernatürlichen Phänomenen mit neuester Technik zuleibe. Doch der böse Geist duldet keine Einmischung – bald bedroht er auch ihr Leben …

Mit dem Setting hat Wan sich einen großen Gefallen getan. Natürlich hätte er die Geschichte, die auf den Aufzeichnungen der tatsächlich existierenden Eheleute Warren basiert, problemlos ins Heute transportieren können. Aber die Retro-Atmosphäre verleiht eigentlich abgegriffenen Elementen – sogar eine unheimliche Puppe gibt’s – einen heimeligen Glanz. Alleine durch Eds breite Kragen und lange Koteletten, durch Lorraines Schlaghosen und exzentrischen Schmuck, durch ihr sperriges Tonbandgerät und die riesigen cremefarbenen Kopfhörer weht eine warme Nostalgie durch den Film – solange einem nicht gerade kalte Schauer den Rücken hinunterrinnen.

Szene mit Vera Farmiga.
Wan, der seinen Durchbruch 2004 mit „Saw“ feierte und damit als Mitbegründer des Torture-Porn gilt, scheint dieses Genre endgültig hinter sich gelassen zu haben. Nach dem ebenso klassisch inszenierten „Insidious“ setzt auch „The Conjuring“ nicht auf Splatter, sondern auf reichlich Atmosphäre und gut getimte Schreckmomente. Kameramann John R. Leonetti, der auch schon an „Insidious“ mitgearbeitet hat, tut sein Übriges dazu: So gruselig wie hier wurde ein simpler Kleiderschrank zuletzt wohl im 1963-er Klassiker „Bis das Blut gefriert“ abgefilmt. Dementsprechend kommt auch nicht allzu viel Tricktechnik zum Einsatz.

Statt mit dem Computer trickst Wan viel lieber mit Gefühlen: Er nimmt sich Zeit für die kleinen Kabbeleien zwischen den Mädchen; für die unerschütterliche Liebe zwischen Ed und Lorraine, die ihre gesamte Arbeit bestimmt; sogar für den ständigen Schlagabtausch zwischen Drew (Shannon Kook), dem patenten Assistenten der Warrens, und dem skeptischen Polizisten Brad (John Brotherton). Szenen, die anfangs etwas ziellos wirken, erreichen sehr schnell ihren Zweck: Die Figuren werden – auch dank der soliden Schauspielleistungen – schon bald sympathisch; der Horror, der sie nach und nach alle bedroht, umso furchtbarer. „The Conjuring“ fesselt für zwei knappe, grausame Stunden an den Kinosessel. Dass man das alles eigentlich schon mal gesehen hat, merkt man erst, wenn der Spuk vorbei ist – und dann stört es auch nicht mehr.

Text: Sabine Metzger / Fotos: 2013 Warner Bros. Pictures
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: ausgezeichnet
Genre: Horror
Freigabealter: 16
Verleih: Warner
Laufzeit: 112 Min.