Das außerirdische Kind

Peter Hedges ist ein empathischer Geschichtenerzähler. Das Drehbuch von „Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa“, also für jenen Film, der für Leonardo DiCaprio den Durchbruch bedeutete, stammt von Peter Hedges; es basiert gar auf seinem eigenen Roman. Und seine Drehbuch-Adaption von Nick Hornbys Bestseller „About a Boy“ wurde immerhin mit einer Oscar-Nominierung bedacht. Für „Das wundersame Leben von Timothy Green“ hat Hedges die Idee von Frank Zappas Sohn Ahmet umgesetzt. Er erzählt die moralisch integre Geschichte eines sonderbaren Jungen, der sich allen Anfeindungen zum Trotz nicht beirren lässt. Es ist ein gut gemeintes Plädoyer für die Außenseiter in unserer Gesellschaft. Und E.T. lässt schön grüßen.

Szene mit Jennifer Garner und CJ Adams.
Cindy (Jennifer Garner) und Jim Green (Joel Edgerton) wünschen sich nichts mehr als ein Baby. Weil sämtliche medizinische Verfahren im wahrsten Sinne nicht fruchten, beschließen sie, die unerfüllte Sehnsucht nach dem perfekten Kind ein für alle mal zu begraben. Die Schachtel mit all den Zetteln, auf denen steht, wie es sein sollte, ihr unerreichbares Wunschkind, verbuddeln sie in ihrem Gemüsegarten. Das war’s, es soll eben nicht sein. Doch in derselben Nacht geschieht ein Wunder: Plötzlich steht der zehnjährige Timothy (CJ Adams) vor ihrer Tür, der Cindy und Jim ganz selbstverständlich für seine Eltern hält. Man merkt gleich, das hier ist ein ganz besonderes Kind, so liebevoll und aufmerksam, allerdings mit einem kleinen Geheimnis: An seinen Beinen ranken sich grüne Blätter.

Von diesem merkwürdigen Makel darf natürlich keiner wissen, sonst droht im konformen Umfeld die Ausgrenzung. Also tun die Gutmenschen Cindy und Jim, die endlich jene Vorzeige-Eltern sein können, die sie immer sein wollten, alles dafür, dass dieses Geheimnis in der Familie bleibt. Die Verwandtschaft staunt nicht schlecht über den neuen Familienzuwachs, der mit seiner warmherzigen Art alle verzaubert. Doch da die Blätter an seinen Beinen unaufhörlich welken, ist allerdings bald klar, dass dieses Familienglück nicht von Dauer sein wird.

Szene mit Joel Edgerton und Jennifer Garner.
Erzählt wird die wundersame Geschichte von Timothy in Form einer Rückblende. Seine Eltern Cindy und Jim berichten sie den ungläubigen Mitarbeitern der Adoptionsbehörde, als sie sich für ein neues Kind bewerben. Peter Hedges’ Märchen ist in weiten Teilen rührend, doch der Grat zum Kitsch ist schmal. Zu betulich, zu eindimensional sind die Hauptfiguren in ihrem Gutmenschentum, zu missionarisch die längst verstandene Botschaft: „Es ist okay, anders zu sein! Es kann uns sogar bereichern!“ Zwar schwelgen wir in den schön gedrehten Bildern von Kameramann John Toll („Cloud Atlas“) und sind beseelt von suggestiven Emotionen. Doch am Ende bleibt der gut gemeinte Disney-Familienfilm ein ambivalentes Rührstück. Weil als Hauptfigur ein allzu perfektes Kind bemüht wird, dessen Makel vertuscht werden muss.

Text: Heidi Reutter / Fotos: Disney Enterprises / Phil Bray
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: akzeptabel
Genre: Fantasy
Freigabealter: 6
Verleih: Disney
Laufzeit: 104 Min.