Doppeltes Handicap

Eben noch wackelige Handkamera, dann große Kinobilder mit bombastischer Musik: Den Spagat zwischen Autorenkino und Unterhaltungskino beherrscht der französische Regisseur Jacques Audiard perfekt. Mit dem ergreifenden Drama „Der Geschmack von Rost und Knochen“ verlässt er seine reinen Männerwelten („Ein Prophet“) und setzt auf eine starke weibliche Hauptfigur, gespielt von Marion Cotillard. Sie muss nach einem Unfall als Frau ohne Beine klarkommen.


Versehrte Menschen – seien es körperliche oder seelische Verletzungen – gehören bei Audiard zum Repertoire. In „Der Geschmack von Rost und Knochen“ trifft Stephanie (Marion Cotillard) auf den Boxer Ali (Matthias Schoenaerts), einen abgebrannten Muskelprotz, der sich buchstäblich durchs Leben schlägt. Anfangs gehören ihm noch die Sympathien, hat er doch gerade seinen fünfjährigen Sohn Sam (Armand Verdure) vor dessen Mutter gerettet, die ihn zum Schmuggeln einsetzte. Gemeinsam reist er mit ihm ohne einen Cent in der Tasche vom Norden Frankreichs an die Côte d’ Azur zu seiner Schwester. Schnell zeigt sich, dass er den Kleinen nur abschieben will und sich keinerlei Verantwortung für das Kind bewusst ist, das er ruppig und lieblos behandelt. Als Türsteher einer Disko kommt es zu einem ersten Kontakt mit der noch gesunden Stephanie, die er für eine reiche Zicke hält.

Schon bei der nächsten Begegnung ist alles anders. Ein Unfall an ihrem Arbeitsplatz im Marineland kostet die Orca-Trainerin Stephanie beide Beine. An dieser Stelle würde im Hollywoodkino der Prozess des „Du kannst alles schaffen, wenn du es nur willst“ einsetzen. Aber Stephanie will nicht – und das geht hier durch. Sie liebte vor allem ihre Arbeit mit den Orcas. Ein Leben, das vorbei ist, was sie in eine tiefe Depression stürzen lässt. Ali besucht sie und obwohl sich die beiden nicht wirklich sympathisch sind, zieht sie irgendetwas an. Nicht, dass Ali sich darüber Gedanken machen würde. Das liegt nicht in seiner Natur. Wie gleichgültig er sich gegenüber dem Verlust ihrer Beine zeigt, schockiert und erleichtert Stephanie zur gleichen Zeit. Als Emotionskrüppel kann er ihr auf einer ganz anderen Ebene begegnen und sie an seiner hundertprozentigen Körperlichkeit, seinem größten Kapital, teilhaben lassen.


Ob aus den beiden in irgendeiner Weise ein Paar werden kann, das stellen interessante Plottwists in diesem sehenswerten Melodram immer wieder in Frage. Letztlich geht es um eine unbezähmbare Natur, die unabsichtlich Schmerz bereitet. Seien es die Orcas oder der Boxer, der sich nur lebendig fühlt, wenn der Gegner blutig vor ihm liegt. Er trifft auf eine Frau, die schon mal tonnenschwere Lebewesen mit Leichtigkeit vom Beckenrand nach ihrem Willen dirigiert hat – bis es schief ging.

Audiards wunderbarer Film bewegt sich manchmal im Ton nah dran an denen der Dardenne-Brüder – der Versager Ali könnte einer ihrer Vaterfiguren sein. Dann fährt er wieder ganz großes Kino auf mit fein choreografierten poetischen Szenen mit mitreißender Musik am Strand und im Marineland, um sich dann der Faszination an der Gewalt bei illegalen Boxkämpfen Actionkino-mäßig hinzugeben.

„Der Geschmack von Rost und Knochen“ webt die unterschiedlichsten Genres zu einem stimmigen Ganzen und entdeckt neben der wie immer herausragenden Marion Cotillard einen Mann, wie ihn Hollywood sucht. Der Belgier Matthias Schoenaerts kann nicht nur die Muskeln spielen lassen („Bullhead“), sondern überzeugt auch mit schauspielerischem Können – sehenswert.

Text: Diemuth Schmidt / Fotos: Wild Bunch
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: De rouille et d’os
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Wild Bunch (Central)
Laufzeit: 127 Min.