Schöne letzte Chance

Verlierertypen sind perfekt fürs Kino. Wir mögen sie, ganz besonders wenn sie zu einem besseren Menschen werden, während sie anderen helfen, sich sagen wir mal die Schuhe zu binden. So in etwa ist das mit dem attraktiven Alex, der in einer Behindertenwerkstatt zu sich selbst findet. In der schwedischen Komödie mit einer Menge Feel-Good-Elementen herrscht oft eitel Sonnenschein und Dinge gelingen schnell. Wen das nicht stört, der kann „Die Kunst sich die Schuhe zu binden“ gewiss genießen.


Es ist natürlich seine letzte Chance, auch wenn man sich schwertut den Abgrund zu sehen. Nachdem Alex (Sverrir Gudnason) beim Theater rausgeflogen ist, bietet ihm der Mann vom Arbeitsamt einen Job als Betreuer an. Das Einzige, was für die Aufgabe spricht, ist das angebotene Zimmer. Man kann dort gleich einziehen. Gute Sache, wenn einen die Freundin gerade wegen Unzuverlässigkeit rausgeworfen hat. Denn Alex ist ein Chaot, Zuspätkommen seine Königsdisziplin.

In der Behindertenwerkstatt sorgt der Neue für Reibung. Er ist für Spaß statt Struktur, auch wenn das Unruhe mit sich bringt. Er bricht Regeln und verbündet sich mit seiner Truppe, nennt sie seine „Kumpel“ – und behandelt sie auch so. Neuerdings müssen die nicht mehr lernen, wie man seine Schuhe bindet, sondern dürfen auch mal machen, wozu sie Lust haben: Freistöße schießen oder einen Chor gründen.

So sorgt der Robin Hood der Downies für viele schöne Momente, aber auch für brenzlige Situationen. Weil die Chemie zwischen der liebenswerten Gruppe und dem im Grunde herzensguten Alex so gut passt, sieht man über Belanglosigkeiten und Verharmlosungen im Drehbuch hinweg. Und darüber, dass alle von Frauen besetzten Nebenschauplätze nur stören. Die Ex-Freundin, die Chefin, die Kollegin. Wann immer sie auftreten, wünscht man sich die wirklichen Charaktere zurück, die Kumpel.


In diese Art der „Schuhbindekunst“ kann man sich fallen lassen. Eine klassische Mutmacher-Geschichte, die zu einem beseelten Lächeln zwingt. So ging es auch schon 400.000 Schweden, die die Komödie zum Sommerhit 2011 machten und schuld daran sind, dass gerade Teil zwei gedreht wird.

Aus dem Film ist es zwar nicht zu ersehen, doch beruht die Erzählung lose auf der Gründung des Behindertentheaters „Glada Hudik“ 1996. Die Idee eines Pflegers hat sich mit den Jahren manifestiert, es gab bereits viele Aufführungen und natürlich besteht das Team im Films aus Leuten der Truppe. Warum sich die Handlung eigentlich nur um Gesang und Choreografie sowie einen Auftritt bei einer Castingshow dreht, ist in diesem Zusammenhang eigenartig. Oder nennt man das Tribut an die Gegenwart?

Text: Claudia Nitsche / Fotos: MFA+ FilmDistribution e.K.
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: Hur många lingon finns det i världen?
Genre: Komödie
Freigabealter: 0
Verleih: MFA
Laufzeit: 100 Min.