Geht’s raus, spielt’s Baseball …

Sportfilme haben in den deutschen Kinos so gut wie nie Erfolg. Und wenn es sich bei dem Sport, wie in diesem Fall, gar noch um Baseball handelt, ist man geneigt, für “Moneyball” eine mehr als düstere Prognose abzugeben. Zumal Regisseur Bennett Miller hier nicht etwa ein fiktives Märchen erzählt, an dessen Ende eine Truppe von Underdogs freudestrahlend den Pokal in den Himmel reckt, den sie dem übermächtigen Favoriten eine Sekunde vor Schluss dann doch noch entreißen konnten. Nein, “Moneyball” erzählt eine wahre Geschichte. Und definiert “Sieg” und “Niederlage” auf seine Weise.

Dass dieser Film überhaupt den Weg in die deutschen Kinos schaffte, hat einen einzigen Grund: Brad Pitt. Der Hollywoodstar begleitete das Projekt über die gesamte langwierige Entwicklung hinweg. Zum einen, weil er sich für Baseball interessiert. Zum anderen aber auch, weil ihm das oscarnominierte Drehbuch (Steven Zaillian, Aaron Sorkin) die Möglichkeit bot, in die dankbare Rolle eines mutigen, ja übermütigen Einzelkämpfers zu schlüpfen, der gegen alle Widerstände seinen Weg geht. Er tut das auf stellenweise sehr zurückhaltende, aber äußerst glaubwürdige Weise. Die Oscarnominierung als bester Hauptdarsteller scheint dennoch überzogen.

Billy Beane (Brad Pitt, links) und Peter Brand (Jonah Hill) gehen ihren Weg gegen alle Widerstände.



Pitt spielt den ehemaligen Baseball-Profi Billy Beane. Er wurde als großes Talent gehandelt, doch durchsetzen konnte er sich nicht. Nach seiner aktiven Zeit wird Beane Manager bei den Oakland A’s, einer Mannschaft mit überschaubarem Erfolg, die unter einem Problem leidet, das es auch im deutschen Vereinssport gibt: Die besten Spieler werden am Ende einer jeden Saison von den großen Mitbewerbern weggekauft, die über ganz andere finanzielle Möglichkeiten verfügen. Beane betreibt Krisenmanagement, Jahr um Jahr.

Eher zufällig trifft er auf den jungen Analysten Peter Brand (zu Recht für den Oscar nominiert: Jonah Hill), den Beane von den Konkurrenz abwirbt. Brand überzeugt seinen Chef von einem neuen Managementsystem. Es analysiert Unmengen von Statistiken der individuellen Fähigkeiten der Spieler, hat Tausende Daten und Fakten parat. Ein Team, sagt er, müsse ausschließlich nach diesen Zahlen zusammengestellt werden. Bedeutet: Oakland kauft alte Spieler. Spieler, die häufig verletzt sind, Spieler mit persönlichen Problemen. Das vielbeschworene Bauchgefühl, die Atmosphäre im Team, Leitwolf-Debatten – all das spielt keine Rolle. Es geht nur um die, womöglich wenigen, Schlüsseltalente Einzelner, die es gnadenlos zu nutzen gilt.

Der Coach Art Howe (Philip Seymour Hoffman) kann sich nur schwer mit den Methoden seines Chefs anfreunden.



Die ersten Ergebnisse sind verheerend. Beane gerät in Konflikt mit seinem Trainer Art Howe (Philip Seymour Hoffman), der an Intuitionen statt Fakten festhalten will. Um ihn zur Kooperation zu zwingen, treibt Beane seine Strategie bis zum Äußersten. Er verkauft vermeintliche letzte Starspieler. Bald scheint alles verloren, doch dann verbucht das Team plötzlich erste Erfolge.

“Die Kunst zu gewinnen – Moneyball” entstand auf der Grundlage eines Buches des ehemaligen Aktienhändlers Michael Lewis, der die Ereignisse bei den Oakland A’s 2003 eher dokumentarisch zusammenfasste (“Moneyball – The Art Of Winning An Unfair Game”). Regisseur Bennett Miller orientierte sich daran und entwickelte ein fraglos interessantes Sportdrama im Independent-Look. Er schuf einfache, authentische Bilder mit fast schon dokumentarischem Charakter. Reduziert man die Story auf das Thema “David gegen Goliath” ergibt sich ein grandios gespieltes Außenseiter-Portrait. Indes: Dies hier ist und bleibt ein Baseball-Film, der auch einiges an Verständnis für den in Deutschland reichlich unpopulären Sport voraussetzt.

Eine echte Entdeckung: Jonah Hill überzeugt in der Rolle des jungen Sport-Analysten Peter Brand.



Wer verstehen will, darf nicht den Fehler begehen, das Ganze zum Beispiel mit Fußball zu vergleichen. Klar könnte dem Fan zum Beispiel Hannover 96 in den Sinn kommen, das mit ausrangierten, aber zweifellos begabten Kickern wie Jan Schlaudraff, Christian Pander und Sergio Pinto Erfolge feiert. Übertragbar ist das System aber dennoch in keiner Weise. Baseball ist viel weniger Mannschaftssport als Fußball, in dem ein funktionierendes Team noch immer über allem steht. Womit auch jeder von einem deutschen Fußballfan nachträglich bemühte Vergleich zur Bundesliga ins Leere laufen muss.

Es nutzt also nichts: “Moneyball” wird es schwer haben in den Kinos. Zumindest für echte Sportfans lohnt ein Besuch natürlich dennoch.

Text: Kai-Oliver Derks Fotos: 2011 Sony Pictures Releasing GmbH

Filmbewertung: überzeugend
Starttermin: 02.02.2012
Freigabealter: 0
Verleih: Sony
Originaltitel: Moneyball
Laufzeit: 133 Min.