Die Großfamilie zecht – und zofft sich

Die französische Lebensart ist eine verführerische – und eine anstrengende Angelegenheit gleichermaßen. Wie man aus unzähligen Filmen (und möglicherweise eigenen Reise- und Freundeserfahrungen) weiß, wird schier ununterbrochen getrunken, geraucht, getratscht und debattiert, wenn mehr als nur ein Franzose am Tisch sitzt. Besonders hoch her geht es natürlich, wenn gleich ein ganzer Clan zusammenkommt: Dann fliegen die steilen Thesen wie beim Pingpong-Spiel hin und her – und gelegentlich kommen sogar die Fäuste dazu. Die liebenswürdige Schauspielerin und Nebenbei-Regisseurin Julie Delpy, zuletzt mit „2 Tage New York“ im Kino, arbeitet mit der durchaus charmanten, wenn auch etwas leichtgewichtigen Sommerkomödie „Familientreffen mit Hindernissen“ (2011) eigene Jugenderlebnisse auf.

Julie Delpy (Dritte von rechts) spielt in ihrer Sommerkomödie eigene Familienerlebnisse nach.


Damit auch alle Bezüge deutlich werden, hat sich Julie Delpy, die sich selbst auch in „Die Gräfin“ und „2 Tage Paris“ in Szene gesetzt hat, für eine kurze Rahmenhandlung als Ouvertüre ihres Films entschieden. Gebraucht hätte es das nicht. Man sieht also, wie eine französische Familie eine Zugfahrt in einem völlig überfüllten Großraumabteil meistern muss. Das Enge-Erlebnis weckt Erinnerungen an ein Sommerwochenende, das die junge Albertine (Lou Alvarez) 1979 mit ihren Eltern auf einem Landsitz an der bretonischen Atlantikküste verbrachte. Nach eigenem Bekunden spiegelt sich Delpy in Albertine – und dürfte demnach in der Rolle der Anna ihre eigene Mutter spielen: eine selbstbewusste, emanzipierte Intellektuelle, die sich gerne mit den Machos aus der Verwandtschaft ihres nicht minder freidenkenden Ehemanns (Éric Elmosnino) anlegt.

Anlass für das Zusammenkommen der zahlreichen Cousins und Cousinen samt ihrer vielen Kinder ist der Geburtstag der 67-jährigen Großmutter (Bernadette Lafont), der natürlich mit einem ausufernden Festessen begangen werden muss. Das alkoholgetränkte Miteinander lässt man sich weder von kurzzeitig hereinbrechenden Starkregengüssen noch von offen ausgefochtenen Debattenschlachten verderben. Die Themen reichen dabei von den rassistischen Implikationen des Algerienkriegs, den Frankreich führt, bis hin zur Frauenbefreiung, der sexuellen Revolution und den üblichen Familien-Tabus. Die Bedrohung durch den abstürzenden Skylab-Satelliten, der in diesen Tagen ausgerechnet über der Bretagne niedergehen soll, nimmt niemand ernst – außer vielleicht Albertine.

Die Familie von Jean (Éric Elmosnino, links) und Anna (Julie Delpy, Mitte)
reist mit dem Zug in die Bretagne.



Doch das junge Mädchen hat eigentlich ganz andere Sorgen – viel naheliegendere. Das zehnjährige, leicht pummelige, etwas schüchterne Kind verliebt sich das erste Mal richtig – und wird prompt schwer enttäuscht. Dass sie vor Aufregung auch gleich ihre Periode bekommt, wird – man befindet sich im aufgeklärten französischen Familienfilm – natürlich gleich an die große Glocke gehängt und ausgiebig bequatscht. Viel mehr Dramatisches passiert allerdings leider auch nicht.

Julie Delpy legt einen Film vor, der sich problemlos in die sommerlich-leichte Tradition französischer Familienzusammenkünfte auf der Leinwand einreiht. Sie bewerkstelligt es durchaus, auf intelligente Weise fast zwei Stunden lang zu unterhalten. Die vielen Figuren, darunter Delpys eigener Vater Albert in der wenig schmeichelhaften Rolle eines vertrottelten Alten, scheint man am Ende genauso gut zu kennen wie die eigene Verwandtschaft.

Text: Rupert Sommer / Fotos: NFP / Paolo Woods
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: Le Skylab
Genre: Komödie
Freigabealter: 12
Verleih: NFP
Laufzeit: 113 Min.