Volksnaher Volksvertreter

Immer wieder Lächeln. Und immer wieder diese Gummipflanzen: Henryk Wichmann, CDU-Abgeordneter im Landtag Brandenburg, ist ein bürgernaher Mann. Freundlichkeit ist dem 35-Jährigen eine Selbstverständlichkeit. Gerade eben hat er tief in der uckermärkischen Diaspora, wo Rot-Rot regiert und die Konservativen die Oppositionsrolle spielen müssen, ein weiteres Bürgerbüro eröffnet. Und seine ersten Besucher bringen natürlich alle Gummipflanzen. Dass sein emsiges Bemühen um Volksnähe latent tragische Züge trägt, scheint der Stehauf-Schlacks selbst kaum zu merken. Nur ganz selten huscht eine Art ironisches Lächeln über sein Gesicht. Doch das sind dann Höhepunkte in dem einfühlsamen Dokumentarfilm „Herr Wichmann aus der dritten Reihe“ (2012). Ein Jahrzehnt nach „Herr Wichmann von der CDU“ (2003) setzt Andreas Dresen sein illusionsloses Portrait über den Politikbetrieb in der Provinz fort.


Wie in vielen Filmen, die um gebrochene Helden kreisen, ist der eigentliche Hauptdarsteller eine rätselhafte Figur, die im Verborgenen wirkt – und die man bei Andreas Dresen („Sommer vorm Balkon“, „Wolke 9“) natürlich auch nicht zu sehen bekommt: In der Don-Quixote-Geschichte des aufrechten Idealisten Henryk Wichmann ist es der Schreiadler. Das majestätische, als „stark gefährdet“ geltende Wild- und Wappentier geistert wie ein gebieterisches Phantom durch die Doku-Erzählung. Immer wenn vom Schreiadler im Film die Rede ist, polarisiert er – und verursacht Probleme. Mal muss wegen des preußischen Aaren eine Bahnstrecke umgeplant werden, dann kann wegen seines Brutgebiets ein Radweg nicht gebaut werden. Wenn Henryk Wichmann vom Schreiadler hört, dann kräuselt sich seine Stirn und er schaut noch ein wenig ernster unter seiner dunklen Brille hervor.

Wie schon im Vorgängerfilm „Herr Wichmann von der CDU“ begleiten Dresen und sein kleines Team den unermüdlichen Bürger-Politiker auf seinen Ochsentouren über Land: Wichmann steuert dann selbst einen nicht mehr ganz neuen Skoda, versucht sich mit klassischen Klavierkonzerten aus der CD-Anlage zu entspannen und hetzt von einem öden Termin zum nächsten. Immer gibt es dieselben schweren Torten, den gleichen dünnen Kaffee. Wichmann hört sich genau an, „wo den Menschen der Schuh drückt“. Er sammelt Flyer von Bürgeriniativen ein, besucht die bunten Nachmittage im Altersheim und verspricht zu helfen, wo er nur kann. Dass er zurück im Büro auch tatsächlich alles abarbeiten wird, glaubt man ihm sogar. Wichmann ist kein Zyniker, der Film über ihn verkneift sich den Spott.


Heraus kommt ein spielfilmlanges Roadmovie, das dem aufgeschlossenen Betrachter im positiven Sinne nachdenklich stimmen dürfte. Dabei zielt Dresen nicht wirklich auf Real-Satire im „Stromberg“-Sinn, obwohl man oft durchaus schmunzeln kann. Gezeigt wird, wie undankbar fordernd der Politikbetrieb ist, wenn man Demokratie nur einmal ernst nimmt. Wichmann hat kaum Chancen, aber er geht sie entschlossen an.

Text: Rupert Sommer / Fotos: Piffl / Peter Hartwig
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: überzeugend
Genre: Dokumentarfilm
Freigabealter: 0
Verleih: Piffl
Laufzeit: 92 Min