Das Kino macht Theater

Alain Resnais’ Film beginnt wie ein Agatha-Christie-Krimi: 13 Schauspieler erhalten den Anruf eines Butlers, der sie bittet, sich anlässlich des Todes eines gemeinsamen Freundes, dem Bühnenautor André D’Anthac (Denis Podalydès), in dessen Haus zu versammeln. Dessen letzter Wunsch ist es, dass sie eine Neuinszenierung seiner „Eurydice“ durch eine junge Theatertruppe begutachten. Alle Geladenen haben ihre Verbindung zu diesem Drama und schon einmal eine Rolle darin gespielt. Während der Vorführung beginnen die Identitäten, die Grenzen zwischen Film, Theater und Realität zu verschwimmen, ganz nach dem Kurs, den der Filmtitel „Ihr werdet euch noch wundern“ vorgibt.

Orpheus und Eurydice sind wieder vereint.
Alle teilnehmenden Schauspieler, von Pierre Arditi und Sabine Azéma über Michel Piccoli und Lambert Wilson bis hin zu Matthieu Amalric und anderen gehören zum Filmkosmos des durch die Nouvelle Vague berühmt gewordenen Regisseurs Alain Resnais. Mit seinen 91 Jahren versammelt er sie jetzt noch einmal um sich für ein Projekt, das wie sein eigenes Testament wirken könnte. Und der Tod spielt eine wichtige Rolle in „Ihr werdet euch noch wundern“, schließlich verlieren sich im Stück, um das der Film kreist, Eurydike und Orpheus am Ende für immer. Resnais’ filmische Inszenierung kommt allerdings so frisch und einfallsreich auf die Leinwand, dass das Morbide keine Chance hat. Was von einer noch so kurzen Liebe bleibt und in welchem Licht man sie sieht, wenn sie verloren geht, das sind die Fragen, die Resnais stattdessen beschäftigen. Dabei bezieht er sich auf zwei Werke des französischen Dramatikers Jean Anouilh: „Eurydice“ und „Cher Antoine“.

In Sesseln sitzend verfolgen die Schauspieler den Film im Film, die moderne Inszenierung des Dramas durch eine fiktive Theaterkompanie mit jungen Darstellern in einer Fabrikkulisse. Sie werden nicht lange nur Zuschauer bleiben: Die Worte, die auch sie einst auf der Bühne rezitierten, scheinen sich ihrer zu bemächtigen. Die Altdarsteller fangen an, mit und gegen den Film in ihren alten Konstellationen zu spielen. Die Erinnerung übernimmt die Regie.

13 Schauspieler werden gebeten, sich eine neue Fassung eines Stücks anzusehen, in dem sie selbst einmal mitspielten.
Unter den Versammelten finden sich zwei Darsteller, die den Orpheus gaben, und zwei Damen, die Eurydike spielten, in der Paarung Sabine Azéma und Pierre Arditi sowie Lambert Wilson und Anne Consigny. Sie bieten ihre jeweils eigene Interpretation der mythologischen Figuren, wobei die immer etwas überdrehte Azéma und der in sich ruhenden Arditi mehr zum Einsatz kommen. Azéma nimmt als Resnais’ Ehefrau einen ganz besonderen Platz in seinem Lebenswerk ein – oft zusammen mit Pierre Arditi als Paar vor der Kamera.

Je mehr Azéma und Arditi das Ruder übernehmen, desto weniger Spielereien wie Splitscreen, Überblendungen, Wandern durch Räume und Bühnenbilder wendet der Regisseur an. Der Wechsel zwischen den verschiedenen Ebenen lässt nach. Die Magie der Sprache rückt in den Vordergrund. Am Ende verlässt sich der Film ganz auf den starken Text Anouilhs und ist als Bühneninszenierung ganz bei sich. Und doch wird die Kamera gebraucht, denn „Ihr werdet euch noch wundern“ bietet in jedem Moment mehr als abgefilmtes Theater. Sie wirkt der Flüchtigkeit dieses einzigartigen Zusammenkommens hervorragender Schauspieler entgegen, die das Werk Resnais’ über Jahrzehnte geprägt haben. Ein glänzendes Spiel mit Identität und Wahrheit, das Kino und Bühne gleichzeitig feiert.

Text: Diemuth Schmidt / Fotos: Alamode
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: ausgezeichnet
Genre: Drama
Freigabealter: 0
Verleih: Alamode
Laufzeit: 114 Min.