Familien von heute

Schwupps, da fliegt das Handy, aus dem die Stimme des nervtötenden Ehemanns tönt, hinein in den Schlund des Canyons. Da hüpft das Herz von so manchem Mediengestressten, der schon fürchtete, dass nach ungestörter Freiheit duftende Roadmovies wie „Easy Rider“ und „Thelma und Louise“ längst der technischen Steinzeit angehörten. Doch den Zwillingsschwestern Sofie und Daan gelingt es auf ihrem Trip über die staubigen Straßen New Mexicos, die Anforderungen, die die moderne Gesellschaft vermeintlich an die Frauen von heute stellt, glaubwürdig über Bord zu werfen. Das warmherzige und wendungsreiche Drehbuch der beiden Autorinnen Marnie Blok und Karin van Holst Pellekaan gibt ihnen ausreichend Gelegenheit und Muße, in der niederländischen Produktion „Jackie – Wer braucht schon eine Mutter?“ zu sich selbst und zueinander zu finden.

Szene mit Holly Hunter, Carice van Houten und Jelka van Houten.
So unterschiedlich ihre Wege sein werden, so verschieden waren die beiden Zwillingsschwestern Sofie und Daan, gespielt von Carice und Jelka van Houten, schon von Geburt an. Aufgewachsen bei ihren schwulen Adoptivvätern (Paul Hoes und Jaap Spijkers), hat sich die zehn Minuten ältere Sofie zu einer kontrollsüchtigen Karrierefrau entwickelt, die nur für ihre Arbeit lebt und bindungsunfähig ist. Die konfliktscheue Daan dagegen vermeidet es tunlichst selbstständig zu werden und lässt sich von ihrem Ehemann (Jeroen Spitzenberger), mit dem sie erfolglos versucht ein Kind zu bekommen, unterbuttern.

Dann der Anruf aus Amerika: Ihre leibliche Mutter soll sich einen komplizierten Beinbruch zugezogen haben, und die Pfleger bitten ihre Töchter, die widerspenstige Patientin in eine 500 Meilen entfernte Reha-Klinik zu verfrachten: Da die wegen eines geplatzten Trommelfells nicht fliegen kann, müsste sie im Auto quer durch die Wüste New Mexicos chauffiert werden. Während die sensible Daan, die sich schon immer nach ihrer Mutter gesehnt hat, von der Idee begeistert ist, hat Sofie zunächst nicht die geringste Lust ihre „Gebärmutter“ kennenzulernen. Nur die Frage ihres Adoptivvaters, wovor sie denn Angst habe, stachelt sie an, sich auf diesen Trip einzulassen, der auf überraschende Weise ihr Leben verändern wird.

Szene mit Carice van Houten und Jelka van Houten.
Als Sofie und Daan zum ersten Mal ihrer verwahrlost wirkenden und sehr wortkargen Mutter Jackie (kaum wiederzuerkennen: Holly Hunter) gegenüberstehen, hat der Zuschauer die beiden dank des amüsanten Drehbuchs und der schwesterlichen Chemie zwischen den Darstellerinnen bereits in sein Herz geschlossen. Doch was macht dieses Roadmovie mit relativ klassischem Grundkonflikt eigentlich so spannend und außergewöhnlich? Es ist das zeitgemäße Infragestellen herkömmlicher Familienstrukturen, angefangen bei den schwulen Väter bis hin zu der sehr überraschend beantworteten Frage, was Muttersein heute eigentlich bedeutet.

So endet der Film ziemlich abrupt mit einer unvorhersehbaren Wendung, und man bedauert es ein wenig, nicht noch etwas mehr über das mysteriöse Vorleben Jackies und die Zukunft ihrer befreiten Töchter zu erfahren. Denn während sich noch „Thelma und Louise“ keinen anderen Rat wussten, als sich mit dem Auto in einem selbstzerstörerischen Akt den Canyon hinabzustürzen, fängt für Sofie und Daan ihr selbstbestimmtes Leben erst an …

Text: Gabriele Summen / Fotos: Schwarz-Weiss Filmverleih
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: ausgezeichnet
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Schwarz Weiss Filmverleih
Laufzeit: 100 Min.