Die Maske fällt

Das Lob für seinen ersten englischsprachigen Film war groß: Im wundervollen „Cheyenne – This Must Be The Place“ schickte Paolo Sorrentino 2011 einen kaum wieder zu erkennenden Sean Penn quer durch die USA. Der Beginn einer großen transatlantischen Karriere? Später vielleicht: Mit der bissigen Satire „La Grande Bellezza“ kehrt der Regisseur und Autor vorerst wieder in seine italienische Heimat zurück.

Szene mit Toni Servillo.
Dort prägt seit Jahrzehnten sein Protagonist Jep Gambardella (Toni Servillo) das glamouröse Nachtleben der römischen High Society. Seine Anwesenheit veredelt Partys, um ihn schart sich eine Entourage, die den Worten des alternden Journalisten bedächtig lauscht und seinen feinen, zynischen Humor schätzt, mit dem er stilsicher und mit messerscharfer Zunge über Wohl und Wehe richtet. Die schönsten Frauen liegen dem perfekten Gentleman mit den schicken Anzügen und den gepflegten Manieren zu Füßen. Und doch macht sich mit seinem 65. Geburtstag Melancholie in ihm breit. Jep stellt sich Fragen und sich in Frage.

Was bleibt? Wer wird sich an mich erinnern? Und weshalb? Setzt der Hedonist seine strengen Maßstäbe am eigenen Leben an, so wird er diesen kaum gerecht. Sein Debütroman öffnete ihm einst die Pforte zu dem süßen Leben, das er nun seit Jahrzehnten auskostet. Doch geschrieben hat der damals gefeierte Nachwuchsliterat seither nur noch als Journalist und über die Werke von anderen. Das Schicksal war ihm wohl gesonnen und doch trauert Jep immer häufiger seiner mittlerweile verstorbenen Jugendliebe nach.

Zwischen den Feiern, Frauen und Exzessen, die Jeps Alltag nun schon so lange prägen, macht Sorrentinos wundervoller Antiheld sich auf eine Suche nach sich selbst. Inmitten der schönen Dinge des Lebens, wie sie sich der Zuschauer in seinen Träumen ausmalt, steht dieser grübelnde, alternde Mann, der nach vielen Jahren die Sinnlosigkeit und Leere bemerkt, die ihn umgibt, während er sich nach dem Versäumten sehnt.

Szene mit Sabrina Ferilli.
Italiens Regie-Ikone Paolo Sorrentino zeichnet mit Hilfe seines Lieblings-Hauptdarstellers Toni Servillo, der unter anderem auch in dessen 2008er-Werk „Il Divo“ die Rolle des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti übernahm, ein funkelndes wie brüchiges Bild der römischen Gesellschaft. Die Fassade der italienischen Hauptstadt leuchtet gnadenlos grell, ohne Rücksicht auf die Sorgen und Nöte seiner Bewohner zu nehmen. Eine Gesellschaft, die nirgendwo mehr hin will und dekadent um ihren Erhalt kämpft. Machtmenschen jeglicher Couleur prägen sie, von der Politik über die Mafia bis hin zur Kirche. Alle eint, dass sie sich selbst die nächsten sind – und dass Sorrentino sie lustvoll vorführt.

Weil der für seine Werke auf den großen Filmfesten gefeierte Regisseur davon nicht genug bekommt, entwickelt „La Grande Bellezza“ am Ende der 147 Minuten (!) Längen. Sorrentino lässt sich von all seinen Ideen und Einfälle treiben, um diese Gesellschaft, die ihm zuwider scheint, zu demaskieren. Er findet statt einem gleich mehrere – teils fantastische – Enden für sein Werk, ehe er den dann überfälligen Schlusspunkt setzt. Immer wieder muss der wundervoll aufspielende Servillo still leiden, während Sorrentino es nicht lassen kann, an allen Karten zu rütteln, die das Fundament für das Kartenhaus Italien bilden. Es sei ihm verziehen.

Text: Denis Demmerle / Fotos: DCM
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: überzeugend
Genre: Komödie
Freigabealter: 12
Verleih: DCM
Laufzeit: 147 Min.