Was besser verborgen geblieben wäre

Nun gibt es also doch eine Vorgeschichte: Ridley Scott kehrt zu der Reihe, die er 1979 begründete, zurück. Offiziell freilich ist „Prometheus – Dunkle Zeichen“ kein „Alien“-Prequel – Scott betonte immer wieder die Eigenständigkeit der Geschichte. Dennoch finden sich jede Menge Parallelen zu seinem Science-Fiction-Klassiker, Anspielungen und Elemente. Als mystische Schöpfungsgeschichte angelegt funktioniert der Film ganz wunderbar, auch ohne die vier Vorgänger zu kennen: Für alte und neue Fans könnte „Prometheus“ der fantastische Start in eine zweite Reihe sein.

Es gibt Erklärungen, zumindest Erklärungsversuche. Daran muss man sich erst mal gewöhnen: Das Alien, dieses fieseste aller unzerstörbaren Monster, das von 1979 bis 1997 in vier Filmen von vier verschiedenen Regisseuren (Ridley Scott, James Cameron, David Fincher, Jean-Pierre Jeunet) einfach so auftauchte, sein Unwesen trieb und Sigourney Weaver zur härtesten aller Science-Fiction-Actionheldinnen machte, hat eine Quasi-Vorgeschichte. Schuld sind nicht die Menschen. Zumindest nicht direkt.

Android David (Michael Fassbender) verfolgt eine eigene Agenda auf dem fernen Planeten.


Zwei Wissenschaftler entdecken in der nahen Zukunft überall auf der Erde prähistorische Zeichnungen – sie sind alle ähnlich, egal aus welchem Kulturkreis sie stammen. Charlie Holloway (Logan Marshall-Green) und Elizabeth Shaw (Noomi Rapace) verstehen ihre Entdeckungen als Einladung: Finanziert vom Weyland-Konzern (Charlize Theron spielt eine kalt berechnende Kapitalistin der Zukunft) brechen sie zu einer intergalaktischen Forschungsreise auf. Sie hoffen, die Schöpfer zu treffen, Götter, von denen sie sich Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens erwarten. Dass es auch enttäuschende Antworten geben kann, und gefährliche – damit rechnet niemand.

„Prometheus“ heißt das Raumschiff der Wissenschaftler – nomen est omen. Der Titan hatte einst den Menschen das Feuer, die Erkenntnis gebracht. Dafür wurden nicht nur er, sondern auch die Menschen selbst bestraft: mit der Büchse der Pandora. Statt in einem Paradies landet die Reisegruppe auf einem unbewohnten Planeten mit düsteren Kuppelbauten: In ihrem Inneren schlummert etwas, das sie lieber nicht entdeckt hätten.

Science Fiction, dieses Genre des großen Unbekannten, ist immer ein wenig Horror – Ridley Scott weiß das und kostet es aus. Er schickt die Crew des Raumschiffes auf einen Weg der Erkenntnis, ohne dass die Menschen ahnen, dass wissenschaftliche Neugier immer auch Konsequenzen hat.

Dabei funktionieren die alten Genremuster noch immer: Die Abgeschiedenheit eines fernen Planeten, düstere Bauwerke, unbekannte Lebensformen – Ridley Scott verlässt sich auf die bewährten Zutaten und reichert sie mit den visuellen Errungenschaften des modernen CGI-Kinos, komplexen Figuren und einer ruppigen Erzählweise an. Und das funktioniert prächtig. „Prometheus – Dunkle Zeichen“ erhöht langsam die Schlagzahl. Der Horror steigert sich zunächst unmerklich, aber kommt dann mit ganzer Wucht. Höhepunkt ist eine brutale Szene, in der sich Elizabeth Shaw selbst operieren muss.

Zurück in der Zukunft: "Prometheus - Dunkle Zeichen" fügt sich nahtlos in die "Alien"-Saga ein.


In ihrer energischen Art ist Shaw eine würdige Nachfolgerin von Ellen Ripley – der von Sigourney Weaver gespielten Überfigur der „Alien“-Quadrologie. Noomi Rapace, die Lisbeth Salander aus der schwedischen „Millennium“-Trilogie, spielt sie einerseits robust und stark, bleibt dabei aber verletzbar und grüblerisch. Ihre Dispute mit David, einem von Michael Fassbender gespielten Androiden, sind der eigentliche Kern des Films.

Wer hat uns erschaffen? Und warum? Und woher kommen die Schöpfer? Sind wir nur ein Spielzeug, dessen man sich bei einsetzendem Überdruss einfach entledigen kann? Niemand ist unsterblich bei Scott, nicht einmal die Überwesen, die Leben erschaffen können. Er sinniert über das Leben und den Tod, der unvermeidlich ist.

„Es ist nichts besonderes daran, Leben zu erschaffen“, heißt es an einer Stelle im Film. Die Schöpfer sind einfach nur Ingenieure, die etwas anfertigen, es aber auch wieder zerstören können. Die Schöpfung ist immer auch Destruktion: Die Vernichtung kann bewusst geschehen oder ein Kollateralschaden sein, von dem die Ingenieure selbst betroffen sind. Im Prinzip sind sie nämlich auch nur Menschen.

Text: Andreas Fischer / Fotos: 2012 Twentieth Century Fox
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Prometheus
Genre: Science Fiction
Freigabealter: 16
Verleih: Fox
Laufzeit: 124 Min.