Auf Polanskis Couch

2009 wurde für Roman Polanski, den großen europäischen Filmemacher, zum Schicksalsjahr: Auf dem Weg zum Zürcher Filmfest wurde er festgenommen, weil in den USA noch immer ein Haftbefehl von 1977 gegen ihn vorlag. Die alte Geschichte um den Missbrauch einer Minderjährigen wurde dem Kino-Großmeister erneut zum Verhängnis. Der Produzent Andrew Braunsberg, ein treuer Weggefährte von Polanski, nutzt dessen Hausarrest in Gstaad für ein sehr persönliches Gespräch – der Regisseur Laurent Bouzereau hat mitgedreht.

So nah wie in der Dokumentation kommt man dem Menschen Roman Polanski so gut wie nie.


Eine simple Unterhaltung sollte es werden, ein Gespräch unter Freunden. Andrew Braunsberg und Polanski kennen sich seit 1964. Aus seiner Bewunderung für den Freund angesichts dessen „Leben voller Tragik, großer Erfolge und Unglück“ macht Braunsberg kein Geheimnis. Dass er das private Gespräch mit dem Thema der Verhaftung beginnt, liegt auf der Hand. Nachrichtenmeldungen, aber auch Bilder vom Gefängnis, illustrieren jene Zeit, in der Polanski einmal mehr von seiner Vergangenheit eingeholt wurde.

Überhaupt, das Vergangene – das ist natürlich das große Thema in diesem Film, der nicht viel mehr als die Aufzeichnung eines Interviews ist: Da ist zum einen Polanskis Kindheit, geprägt von den Grausamkeiten im Warschauer Ghetto, die auseinandergerissene, zerstörte Familie, die Brutalität der Nazis. Braunsberg fragt nach und Roman Polanski erzählt, manchmal unter Tränen.

Wir erleben einen verletzlichen und verletzten Polanski; selten ist man diesem Menschen so nah gekommen. In seinem wunderbaren Film „Der Pianist“ (2002), für den Polanski den Oscar erhielt, hat er vieles von dem verarbeitet, was er als Kind durchlebt hat. Das Holocaust-Drama war einer der vielen Höhepunkte von Polanskis Karriere, über die ebenfalls sinniert wird. An Tiefe und Emotionalität gewinnt das Gespräch allerdings nur da, wo es wieder privater wird. Bis heute unsäglich ist jene Tragödie, die Polanski mit seiner Frau Sharon Tate erleben musste: Im August 1969 wurde sie von Charles Manson und seinen Anhängern getötet. Woher Polanski damals die Kraft nahm zum Weiterleben, ein Rätsel.

Roman Polanski und Adrien Brody drehten "Der Pianist" (2002) im Studio Babelsberg.


Regisseur Laurent Bouzereau hat das Glück, bei einem Gespräch unter Freunden ganz nah dabei sein zu können. In seiner visuellen Aufbereitung erfüllt der Film, wenig kreativ, die üblichen Standards: Das Interview wird lediglich mit Archivmaterial, Ausschnitten aus Polanskis Filmen und privaten Videoaufnahmen unterschnitten, um das Gesagte zu verdichten. Dass dem Interviewer Braunsberg die Distanz zu Polanski fehlt, mag einerseits eine größere Nähe und Offenheit generieren, andererseits fehlt es so an Objektivität, an kritischen Nachfragen, die Unbekanntes hätten zu Tage bringen können. Auch erfährt man nichts über Polanski als Regisseur, über seine Schwerpunkte, sein Herantasten, seine Art des Inszenierens. Wer sich hingegen für den Menschen Roman Polanski interessiert, dem sei dieser Film empfohlen.

Text: Heidi Reutter / Fotos: 2012 Eclipse / Studio Babelsberg
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: Roman Polanski: A Film Memoir
Genre: Dokumentarfilm
Freigabealter: 12
Verleih: Eclipse Filmverleih
Laufzeit: 93 Min.