Keine falsche Scham

„The Sessions – Wenn Worte berühren“ beginnt so, wie Filme, die auf einer wahren Geschichte basieren, normalerweise enden: Mit Archivaufnahmen wird das reale Vorbild der Hauptfigur vorgestellt. Ein Nachrichtenbeitrag aus den späten 60-ern zeigt, wie Mark O’Brien, der im Alter von sechs Jahren an Polio erkrankte und seither nur noch den Kopf bewegen konnte, mit einer atemluftgesteuerten Rollliege selbstständig zur Schule fährt. Diese Bilder sind viel mehr als ein Hinweis auf den realen Hintergrund der nachdenklichen Komödie: Sie bewirken, dass die Zuschauer der Hauptfigur Mark von der ersten Sekunde an mit der Hochachtung begegnen, die sie verdient.


Aus dem Off erzählt Mark (John Hawkes) seine Geschichte, mit nasaler Stimme, aber sehr bewusst gewählten Worten und scharfsinnigen, pointierten Sätzen. Mark ist Autor und Poet, was sich im Ton des Films niederschlägt – sowohl in den Dialogen als auch in den Momenten, in denen Mark mit sich und seiner Gedankenwelt allein ist. Das ist er oft: Nur vier Stunden pro Tag kann der 38-Jährige außerhalb der eisernen Lunge verbringen.

Schreibmaschine und Telefon bedient Mark aus seinem lebenserhaltenden Gefängnis heraus, indem er mit einem Holzstab im Mund schwerfällig eine Taste nach der anderen drückt. Man bekommt eine Ahnung, wie viel Kraft es ihn kosten muss, eine Nummer zu wählen, ein Gedicht oder einen Artikel zu tippen. Es zeugt von Marks immenser Willensstärke, dass er diesen Kraftakt immer wieder auf sich nimmt. Mark will am Leben teilhaben, so gut es ihm nur möglich ist. Darum lässt er sich auf seiner Liege auch regelmäßig in die Kirche schieben, um dort das Gespräch mit Father Brendan (William H. Macy) zu suchen. Ihn konsultiert der gläubige Katholik als Ersten, als er mit dem Gedanken spielt, in gezielten Sitzungen seine Jungfräulichkeit an die Sexualtherapeutin Cheryl Cohen Greene (Helen Hunt) zu verlieren – sofern das aus kirchlicher Sicht okay wäre.

Nicht nur für Mark, sondern auch für Ben Lewin scheint der verständnisvolle Pfarrer den gesellschaftlichen Prüfstein für das pikante Unterfangen darzustellen: Keine Minute länger hält sich der Regisseur und Drehbuchautor mit moralischen Abwägungen auf, nachdem der Geistliche dem Vorhaben im wahrsten Sinne des Wortes seinen Segen gab. So wie Mark künftig die volle Unterstützung seines Umfelds erfährt, kann auch Therapeutin Cheryl voll und ganz auf das Verständnis ihres Ehemanns bauen. Lewin widersteht also ganz bewusst der Versuchung, der Geschichte irgendetwas skandalöses abzugewinnen.


Dadurch sucht auch die ganze Art und Weise, wie Lewin in seinem Film mit Sexualität umgeht, ihresgleichen: Etwa beantworten Marks Pfleger ohne Zögern und Schamesröte alle Fragen, die er zum Thema an sie richtet. Mit gleicher Selbstverständlichkeit bewegt sich Helen Hunt während der titelgebenden Sitzungen nackt vor der Kamera, ohne dass der Film jemals schlüpfrig wird. Lewin erinnert vollkommen unbeschwert daran, dass Sexualität etwas komplett natürliches ist. Etwas, das nicht nur Freude, sondern auch Kraft und Lebensmut spenden kann.

Ben Lewin musste nicht viel dazuerfinden, als er das Drehbuch zu „The Sessions“ verfasste: „Man könnte meinen, ich habe Momente aus dramaturgischen Motiven eingebaut – aber sie sind alle wahr“, bekennt der 66-Jährige, der selbst an einer Form von Polio litt. Viele Zeilen konnte der polnisch-stämmige Australier gar Wort für Wort aus dem Artikel „On Seeing a Sex Surrogate“ übernehmen, den der reale Mark O’Brien 1990 veröffentlichte – neun Jahre vor seinem Tod im Alter von 49 Jahren. Lewins großer Beitrag besteht vielmehr darin, O’Briens Geschichte so humorvoll, gefühlsintensiv, lebensbejahend und unsentimental zu erzählen, dass sie ihrem Helden auch gerecht wird.

Für diese Mission hätte Lewin wahrlich keinen besseren Hauptdarsteller als John Hawkes engagieren können, der bereits 2011 für „Winter’s Bone“ oscarnominiert war. Hawkes beweist in „The Sessions“ einmal mehr seine enorme Empathiefähigkeit und spielt seine Rolle trotz aller physischen Einschränkungen mit überwältigender Ausdruckskraft. Es sind kaum wahrnehmbare Veränderungen in seiner Mimik, die doch klar zu erkennen geben, wie es in Mark O’Brien in genau dieser einen Sekunde aussieht: Ob er etwa Neugier, Freude, Angst oder Zweifel empfindet, wenn er mit seiner nackten Therapeutin zusammenliegt – oder alles auf einmal. Hawkes’ Nominierung für den Golden Globe als Bester Hauptdarsteller ist mehr als verdient. Und die für den Oscar sollte ihm sicher sein.

Text: Annekatrin Liebisch / Fotos: 2012 Twentieth Century Fox
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: The Sessions
Genre: Komödie
Freigabealter: 12
Verleih: Fox
Laufzeit: 95 Min.