Hypnotischer Dreier

Ein Kunstraub? Ist doch kein Kunststück! Die Bande, die während einer Versteigerung ein angesehenes Auktionshaus überfällt, weiß genau, was sie zu tun hat. Alles läuft wie am Schnürchen – bis der kleine Angestellte Simon (James McAvoy) den Gangstern in die Quere kommt. Am Ende des vermurksten Raubzugs hat Räuber Franck (Vincent Cassel) kein Bild und Simon kein Gedächtnis mehr. Um beides wiederzufinden, engagiert die unfreiwillige Schicksalsgemeinschaft eine Hypnosespezialistin (Rosario Dawson). Doch die verfolgt ganz eigene Pläne … Mit „Trance“ webt Regisseur Danny Boyle („Slumdog Millionär“) ein Geflecht aus Geheimnissen, Lügen und Ängsten – und verheddert sich darin. Doch dank äußerst schicker Bilder und nicht minder schicker Darsteller hat selbst diese Wirrnis noch reichlich Stil.

Szene mit Rosario Dawson.
Zu Beginn sind die Ziele noch klar: Franck will das Gemälde, um es zu Geld zu machen. Dafür schreckt er vor nichts zurück, nicht einmal vor Folter. Simon will sich erinnern, um Franck und seine brutale Bande aus seinem Leben zu verbannen. Und Dr. Lamb lässt sich nur in die ganze gefährliche Geschichte hineinziehen, um ihrem Patienten zu helfen.

Doch während die Hypnose-Therapeutin beginnt, sorgsam die Schichten von Simons Unterbewusstsein zu sezieren, werden auch für den Zuschauer immer neue Schichten des Plots sichtbar. In den 101 Minuten Film warten gefühlt ebenso viele Wendungen auf das Publikum. Ein paar zu viele vielleicht: In einem Zustand stetiger Verunsicherung ist eben irgendwann gar nichts mehr überraschend, zumal die Geschichte gegen Ende arg an Glaubwürdigkeit verliert. Die anfangs hochspannende Frage „Wer legt hier eigentlich wen rein?“ wird irgendwann zu „Wen interessiert’s?“.

Fast könnte man sich also im Kinosessel langweilen – wenn Boyle nicht ein paar hervorragende Schauspieler gefunden hätte. McAvoy, Cassel und Dawson bauen nicht nur eine großartige Spannung zwischen den Charakteren auf, sondern machen auch einzeln eine gute Figur. McAvoy hat sichtlich Spaß daran, seinem anfänglich hilflosen Opfer Simon nach und nach immer mehr Hinterlist zu verleihen, bis er fröhlich zwischen Unschuldslamm und schwarzem Schaf hin und her irrlichtert. Cassel, der inzwischen den lässigen Gangster perfektioniert hat, bricht ganz allmählich die coole Fassade auf und zeigt die Unsicherheiten, die sich dahinter verbergen.

Szene mit Vincent Cassel.
Die beeindruckendste Leistung aber zeigt Dawson in ihrer Rolle als Dr. Lamb. Die kühle Professionalität, mit der sie sich anfangs ihres Patienten und seiner Misere annimmt, weicht fast unmerklich einer abgründigen Souveränität. Die Therapeutin, die nicht nur ihre hypnotischen Fähigkeiten einsetzt, sondern irgendwann auch die eher klassischen Waffen der Frauen, hat die Männer in der Hand – zumindest so lange, wie die es nicht bemerken. Dawson verleiht ihrer Figur genug Mysterium, um sie interessant zu halten, dabei aber auch genug Verletzlichkeit, um sie nahbar zu machen. Und zu allem hin gelingt es ihr auch noch, selbst den splitternackten Gang vom Bad ins Bett überaus majestätisch aussehen zu lassen.

An Letzterem allerdings ist sicher auch die Kamera nicht ganz unschuldig. Anthony Dod Mantle, der mit Boyle auch schon bei „28 Tage später“ (2002), „Slumdog Millionär“ (2008) und „127 Stunden“ (2010) zusammenarbeitete, zeichnet hier verantwortlich. Oft bricht er den direkten Blick auf die Darsteller durch Spiegel, Fensterscheiben oder sonstige optische Hindernisse. Das ist nicht unbedingt die subtilste aller Bildsprachen, funktioniert hier aber sehr gut, zumal auch Boyles Gespür für Stil sich hier bemerkbar macht.

Auch wenn also das Ende reichlich abstrus erscheint: Bis dahin gönnt Boyle dem Zuschauer einen wilden Ritt mit einer faszinierenden Ménage à trois.

Text: Sabine Metzger / Fotos: 2013 Twentieth Century Fox
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: überzeugend
Genre: Thriller
Freigabealter: 16
Verleih: Fox
Laufzeit: 101 Min.