Backen für die Heimat

Der Heimatfilm liegt hierzulande schwer im Trend, schon eine ganze Weile und nach wie vor. Marcus H. Rosenmüller, Regisseur des viel gepriesenen Überraschungserfolgs „Wer früher stirbt ist länger tot“, hat das ehemals biedere Genre wieder salonfähig gemacht. Seitdem eifern ihm viele heimische Filmemacher nach – und immer wieder gelingt der Anschluss an den Erfolg: mit der bayerischen, herrlich frivolen Telefonsex-Komödie „Eine ganz heiße Nummer“ zum Beispiel. Nun legt der Wahlmünchner Matthias Kiefersauer nach, bekannt als Regisseur der BR-Serie „Franzi“. Mit der für ihn typischen Leichtigkeit erzählt er davon, wie unsere immer komplexer werdende Welt unsere Vorstellung von Heimat bedroht.


Franzi Schwanthaler (Brigitte Hobmeier) ist eigentlich ganz zufrieden mit ihrem Leben. Für sie ist die Welt daheim, in ihrem bayerischen Dorf, noch in Ordnung. Jeden Morgen steht sie in der Backstube ihres Vaters (Peter Lerchbaumer) und verteilt die frischen Brezen und Semmeln per Rad im Ort. Das war schon immer so; reich werden sie und ihr Vater auf diese Weise nicht mehr, aber es stimmt eben alles, das Lebensgefühl und die Qualität. Doch die Zeit lässt sich auch im tiefsten Bayern nicht mehr aufhalten, als im Ort eine Discount-Bäckerei aufmacht, die ihre billigen Teiglinge aus Tschechien bezieht. Da platzt Franzi der Kragen, und ihr Vater erleidet einen Herzinfarkt.

Plötzlich geht es um alles. Nicht nur der alteingesessene Familienbetrieb, auch Franzis eigene Existenz steht auf dem Spiel, schließlich muss sie als allein erziehende Mutter ihre kleine Tochter durchbringen. Da taucht auch noch ihre Schwester Carmen (Muriel Baumeister) aus Berlin auf, mondän und wortgewandt kommt sie daher, aber irgendwie ist da auch viel Show dabei. Jedenfalls muss nun schnell eine Lösung her, und so besinnt sich Franzi tatkräftig auf ihren Ex-Freund Toni (Thomas Unger), der nun im fernen Dubai in einem Luxushotel Torten für die Scheichs backt. Der soll seine Kontakte spielen lassen, denn so einen Christstollen wie den ihren hat im arabischen Raum noch keiner gegessen. So könnte die leidige Globalisierung am Ende doch noch ein Segen sein. Aber dafür muss Franzi all ihre Kräfte mobilisieren …


„Was machen Frauen nachts um halb vier?“ war ursprünglich als Fernsehfilm angelegt. Aufgrund der positiven Resonanz auf dem diesjährigen Münchner Filmfest kam die Idee, den Film ins Kino zu bringen. Das merkt man dem unaufgeregten TV-Film, der im Auftrag des Bayerischen Rundfunks entstand, natürlich an. Auch der Titel dieser charmanten Komödie ist etwas sperrig geraten, aber das ist nur ein Detail. Der Film lebt von der ungeheuren Präsenz einer Brigitte Hobmeier, die neben Birgit Minichmayr derzeit zu gefragtesten deutschen Schauspieltalenten gehört. Hobmeiers Franzi ist Träumerin und Powerfrau, bodenständig und sensibel zugleich; eine Frau der Tat, die sich immer treu geblieben ist.

Die Tragikomödie, die mit viel Ernsthaftigkeit, aber eben auch einer Reihe Klischees Themen wie Globalisierung, Arbeitslosigkeit und den Wert von Familie in den Mittelpunkt stellt, ist auch die Geschichte über zwei ungleiche Schwestern mit unterschiedlichen Lebensentwürfen: Jede muss auf ihre Weise den ganz normalen Überlebenskampf meistern.

Regisseur Kiefersauer, der 2007 mit dem Heimatdrama „Baching“ einen veritablen Achtungserfolg erzielte, inszeniert, anders als etwa sein Kollege Rosenmüller, ohne Klamauk und Trara. Sein Film ist kein absurdes Theater. Er ist vielmehr ein bayerisches Feel-Good-Movie, das in einer sympathischen Mischung aus Ernst und Humor an Gemeinschaftssinn und Identitätsbewusstsein appelliert – denn: Was gibt es Wichtigeres als Heimat und Familie?

Text: Heidi Reutter / Fotos: Movienet
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: überzeugend
Genre: Komödie
Freigabealter: 0
Verleih: Movienet
Laufzeit: 92 Min.