Dämonischer Nachwuchs

Es ist der Albtraum für jede Mutter: Ihr Kind erblickt das Licht der Welt, und sie empfindet nichts, gar nichts. Doch dass die Mutterschaft für Eva nicht einfach sein wird, kündigte sich schon vor Kevins Geburt an. Schon während der Schwangerschaft wirkt sie, als wäre sie in eine Situation hineingeraten, mit der sie nicht umgehen kann. Regisseurin Lynne Ramsay rollt „We need to talk about Kevin“ (2011) geschickt mit provokativer moralischer Doppeldeutigkeit von hinten auf. Das ausgezeichnete Psychodrama mit Horrorelementen erscheint in der Reihe „Kino Kontrovers“ auf DVD und Blu-ray Disc.


Eine romantische Nacht mit einem bodenständigen Mann (John C. Reilly) änderte das ganze Leben der weltgewandten Reisejournalistin Eva (Tilda Swinton). Eher aus Vernunft als aus Überzeugung tauschte sie New York gegen ein stilvolles Haus in der Vorstadt ein, um ihrer neuen Rolle als Mutter gerecht zu werden. Doch das Kind stellt ihre größte Prüfung im Leben dar.

In Rückblenden erzählt die schottische Regisseurin Lynne Ramsay raffiniert und spannend Evas Geschichte. Sie ist eine Geächtete, die auf der Straße angespuckt und deren Haus verunstaltet wird. Tilda Swinton fasziniert dabei in ihrer Rolle, die zwischen Märtyrerin und Täterin changiert. Getoppt wird sie nur durch Ezra Miller und Rocky Duer, die mit dämonischer Ausstrahlung ihren Sohn in verschiedenen Entwicklungsphasen spielen. Seit „Omen“ hat einem kein anderer Junge einen solchen Schauer über den Rücken gejagt wie Kevin.

Der Film schickt den Zuschauer durch einen psychologischen Albtraum – man ahnt, zu welcher Art Unglück es eines Tages kommen wird, einfache Erklärungen gibt es dafür dennoch nicht. Nur Symptome: Gefühle werden nicht offen verhandelt, weder Mutter noch Sohn können ihren Frustrationen auf eine reinigende Art Luft machen. Sie lassen Taten statt Worte sprechen. Der Vater des Problemkindes schaut einfach weg. Redebedarf besteht für ihn nicht – wodurch sich der Titel des Films als bittere Ironie entpuppt.


In den technischen Belangen überzeugen DVD und Blu-ray Disc völlig. Die Farbwiedergabe ist auf beiden Disc sehr natürlich, Schärfe und Kontrast geben kaum Anlass zur Kritik. Auffallend ist allerdings das sichtbare Bildkorn, das auf DVD etwas stärker ausgeprägt ist als auf BD. Beim Sound dominieren Musik und Dialoge, die in ein stimmiges Surroundkorsett eingebettet wurden. Großartige Effekte gibt’s nicht, dafür werden die hinteren Boxen aber für eine detailreiche Atmosphäre genutzt. Ausführliche Interviews, drei bemerkenswerte Kurzfilme und ein sehr kurzer Blick hinter die Kulissen bilden den interessanten Bonusteil.

Text: Claas Nielsen / Fotos: Bavaria Media / Eurovideo
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: ausgezeichnet
Freigabealter: 16
Studio: Bavaria Media (Kino Kontrovers)
Laufzeit: 107 Min.
Im Handel, ca. 15 Euro