Dämonischer Nachwuchs

Manchmal hinkt Deutschland ein wenig hinterher: Bereits im Mai 2011 raubte „We need to talk about Kevin“ dem Premierenpublikum in Cannes den Atem. In den meisten europäischen Ländern konnten sich die Kinogänger spätestens im Frühjahr 2012 über das ausgezeichnete Psychodrama mit Horrorelementen austauschen. Im Zentrum steht eine Mutter-Sohn-Tragödie: Eva (Tilda Swinton) gelingt es von Anfang an nicht, eine Verbindung zu ihrem Kind herzustellen. Man gewöhnt sich zwar mit den Jahren irgendwie aneinander – aber das reicht nicht. Regisseurin Lynne Ramsay rollt das Drama geschickt mit provokativer moralischer Doppeldeutigkeit von hinten auf.

Einst waren die Eltern (Tilda Swinton, John C. Reilly)
ein glückliches Paar mit ausschweifendem Leben.



Es ist der Albtraum für jede Mutter: Ihr Kind erblickt das Licht der Welt, und sie empfindet nichts, gar nichts. Doch dass die Mutterschaft für Eva nicht einfach sein wird, kündigte sich schon vor Kevins Geburt an. Schon während der Schwangerschaft wirkt sie, als wäre sie in eine Situation hineingeraten, mit der sie nicht umgehen kann.

Eine romantische Nacht mit einem bodenständigen Mann (John C. Reilly), der so anders ist und doch eine große Anziehung auf sie hat, änderte plötzlich das ganze Leben der weltgewandten Reisejournalistin. Eher aus Vernunft als aus Überzeugung tauschte sie New York gegen ein stilvolles Haus in der Vorstadt ein, um ihrer neuen Rolle als Mutter gerecht zu werden. Doch das Kind stellt ihre größte Prüfung im Leben dar.

In Rückblenden erzählt die schottische Regisseurin Lynne Ramsay raffiniert und spannend Evas Geschichte. Die Art, wie die Nachbarn sie in der Gegenwart behandeln, legt schon früh nah, dass nach ihrem Umzug in die Provinz etwas Grauenhaftes passiert sein muss: Eva ist eine Geächtete, die auf der Straße angespuckt und deren Haus verunstaltet wird. Tilda Swinton fasziniert dabei in ihrer Rolle, die zwischen Märtyrerin und Täterin changiert. Getoppt wird sie nur durch Ezra Miller und Rocky Duer, die mit dämonischer Ausstrahlung ihren Sohn in verschiedenen Entwicklungsphasen spielen.

Mit diesem Kind möchte man nicht spielen: Kevin (Rocky Duer) ist kaum sympathischer als Teufelsbalg Damien aus "Das Omen".



Seit „Omen“ hat einem kein anderer Junge einen solchen Schauer über den Rücken gejagt wie Kevin. Sein Blick ist heimtückisch und feindselig, seine Handlungen sind allein darauf ausgerichtet, seiner Mutter weh zu tun. Jeden Versuch einer Annäherung blockt das Kind ab, nicht aber ohne davor mit den Gefühlen der Mutter zu spielen. Hatte der schreiende Säugling, den Eva mit ausgestreckten Armen von sich weg hielt, noch das Mitgefühl des Zuschauers, bleibt einem dieses Wesen jetzt einfach nur fremd. Ein zweites Kind, eine Tochter (Ashley Gerasimovich), zeigt zudem, dass Eva durchaus in ihre Rolle hineinwachsen und ohne gequältes Bemühen eine Beziehung zu einem Kind aufbauen kann – nur für Kevin kommt das zu spät.

Der Film schickt den Zuschauer durch einen psychologischen Albtraum – man ahnt, zu welcher Art Unglück es eines Tages kommen wird, einfache Erklärungen gibt es dafür dennoch nicht. Nur Symptome: Gefühle werden nicht offen verhandelt, weder Mutter noch Sohn können ihren Frustrationen auf eine reinigende Art Luft machen. Sie lassen Taten statt Worte sprechen. Der Vater des Problemkindes schaut einfach weg. Redebedarf besteht für ihn nicht – wodurch sich der Titel des Films als bittere Ironie entpuppt.

Text: Diemuth Schmidt / Fotos: Fugu Films
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: We Need to Talk About Kevin
Genre: Drama
Freigabealter: 16
Verleih: Fugu
Laufzeit: 110 Min.