Irritierend gut oder schlecht?

Mit jedem Film, jedem kreativen Akt macht man eine neue Tür auf und findet doch auch die alten Geister wieder – so lässt sich der Prolog von „Holy Motors“ deuten. Nach 13 Jahren Spielfilmabstinenz (zuletzt „Pola X“, 1999) übergibt Leos Carax dem Publikum nun einen sehr rätselhaften Film. Irgendwo zwischen Peter Greenaway und David Lynch angesiedelt, bringt der Franzose kurze surreale Episoden auf die Leinwand und dreht allen, die nach Bedeutung suchen, eine lange Nase. Einziges Bindeglied stellt die Figur Mr. Oscar dar, verkörpert von Carax’ Lieblingsdarsteller Denis Lavant. Er interagiert unter anderem mit Eva Mendes und Kylie Minogue.


Weil andere geplante Projekte am Geld und an der Besetzung scheiterten, entschied sich der seit „Die Liebenden von Pont Neuf“ (1991) als Ausnahme-Regisseur geltende Leos Carax für einen „schnell ausgedachten und nicht zu teuren“ Film. Ein Frust-Projekt, das es aber trotzdem in den Wettbewerb von Cannes schaffte. Dort fiel das exzentrische Kinokaleidoskop auf fruchtbaren Boden – unverständlich für manch einen Kritiker, warum der Film keine Auszeichnung erhielt. Ein Meisterwerk für die einen, grotesker Unsinn für die anderen. „Holy Motors“ spaltet, auch wenn man als Skeptiker nicht leugnen kann, dass der schrankenlose Einfallsreichtum Leos Carax’ einzigartig ist.

Carax formt auf der Leinwand seinen biegsamen Hauptdarsteller zu immer neuen, skurrileren Figuren und profitiert davon, dass Denis Lavant von der Akrobatik bis zum Slapstick alles beherrscht. Als Mr. Oscar lässt der sich von einer großen Blondine (Edith Scob) in einer weißen Strechlimousine durch Paris und die Vororte fahren. Die Chauffeurin scheint sein einziger freundlicher Fixpunkt im Leben zu sein: Jeden Morgen kutschiert sie ihn von Auftrag zu Auftrag, bei jedem davon taucht er von einem Leben ins nächste ein.

Mit einer Unmenge an Requisiten schlüpft Mr. Oscar in Rollen aus verschiedenen Generationen, Geschlechtern und Gesellschaften, die ihm wer auch immer zugedacht hat. Mal ist er eine alte Bettlerin, mal ein Killer, mal ein treusorgender Familienvater, mal ein blumenfressendes Monster. Eine mühselige Existenzform, aus der er nicht ausbrechen kann und in der sein eigenes Ich völlig verschwindet.


Was es bedeutet, wenn der furchterregende Monsieur Merde das roboterartige Model Eva Mendes von einem Shooting in die Kanalisation verschleppt, aus ihrem Kleid eine Burka bastelt und schließlich halbnackt auf ihrem Schoß ruht, während sie für ihn singt? Erklärungen will und kann auch Carax für dieses wilde Sammelsurium, in dem auch Affen Menschenrollen übernehmen, nicht geben. Holy Shit – oder nicht? Wer sich auf Carax’ Kommunikation mit Bildern statt Worten und Dialogen einlassen will, kann sich darüber selbst eine Meinung bilden.

Text: Diemuth Schmidt / Fotos: Arsenal Filmverleih
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: Holy Motors
Genre: Drama
Freigabealter: 16 (beantragt)
Verleih: Arsenal
Laufzeit: 115 Min.