Das Leben – mehr als ein Witz

Produzenten, die sich von Woody Allen einen Film wünschen, sollten am besten so vorgehen: Geld abliefern, schweigen und innerhalb eines Jahres ein fertig gestelltes Werk im Rahmen des Budgets entgegennehmen. Der US-Amerikaner gilt als einer der echten „independent film maker“ und als einer, bei dem man nach über 40 Filmen noch sehnsüchtig auf den nächsten wartet. Zum ersten Mal steht nun Woody Allen als Person, als Künstler und Privatmensch im Mittelpunkt eines Films. Sein Landsmann Robert Weide begleitete ihn für „Woody Allen: A Documentary“ fast zwei Jahre lang.

Woody Allen erweist sich heute als kooperativer Gesprächspartner.


Woody Allen, der knuffige kleine Mann, der so viele Menschen mit hintersinnigem Humor zum Lachen gebracht hat, wartet. Er wartet darauf, endlich ein großes tragisches Meisterwerk auf die Leinwand bringen zu können. Dieses Lebensthema zieht sich durch Robert Weides ausgezeichnete Dokumentation, die einen kooperativen Allen sowie viele Weggefährten und Schauspieler zeigt. Während seines Wartens hat sich Woody Allen schon längst einen Platz unter den Großen der Filmgeschichte erobert. Seine Werke sehen leicht aus, schnell geschrieben, schnell inszeniert – alles etwa binnen eines Jahres. Wie bei einem abstrakten Maler, dessen Kunst für jeden nachahmbar wirkt, lohnt es sich auch bei Allen genauer hinzusehen; die Fingerübungen zu betrachten, die vor seiner Arbeit als Regisseur stehen.

Gespickt mit Einblicken in die Kindheit Woody Allens vermittelt die Doku auch ein Gefühl für das Leben in Brooklyn in den 40-ern und das Leben im Village zu Zeiten des Aufbruchs der Beatnik-Generation. Allen aus dieser Zeit mehr erzählen zu lassen, wäre ein anderer, wunderbarer Film. In der Schule verdiente sich Allan Stewart Konigsberg, wie er damals noch hieß, ein Zubrot als Gagschreiber für Kolumnisten, dann für Komiker und schließlich für die „Ed Sullivan Show“ und „Caesar’s Hour“. Nach anfänglichen Berührungsängsten mit dem Publikum kann er auch als Stand-up-Comedian in Nachtclubs und im Fernsehen überzeugen. Dann erhält er das Angebot, ein Drehbuch zu schreiben. „Was gibt’s Neues, Pussy?“ (1965) wird zwar ein Erfolg, aber der typische Woody-Allen-Witz wird so verdreht, dass der Autor beschließt, nur noch selbst Regie zu führen und immer die komplette Kontrolle zu behalten.

In den ersten Jahren entstehen die „lustigen Filme“, deren Erfolg er später im kontrovers diskutierten „Stardust Memories“ (1980) persifliert. Er wird der Publikumsschelte seiner eingefleischten Fans bezichtigt. Dabei hat Allen die Komödie neu definiert und Humor mit Tiefgang auf eine bisher unbekante Weise verbunden. „Der Stadtneurotiker“ (1977) bringt vier Oscars ein. Die beiden, die ihm als Regisseur und Autor zugesprochen werden, nimmt er nicht persönlich entgegen: Lieber tritt er als Klarinettenspieler mit seiner Band auf, denn mit Preisen kann er grundsätzlich nichts anfangen. Wie misst man im Filmbereich, wer der Beste ist?

In vielen seiner Filme ist Allen Regisseur und Schauspieler zugleich.


Die chronologisch erzählte Dokumentation spannt den Bogen bis zu „Midnight in Paris“ (2011), mit dem Allen seinen bisher größten kommerziellen Erfolg erzielte. Robert Weide durfte auch hinter die Kulissen am Set von „Ich sehe den Mann Deiner Träume“ (2010). Dabei vermittelt er, wie sich die Arbeit mit Woody Allen für die Schauspieler gestaltet: „Wie in einer Prüfung in der Schauspielschule“, fühlte sich zum Beispiel Josh Brolin, dem seine Nervosität im Interview anzumerken ist. Nur wenn es sein muss und einer das unbedingt benötigt, spricht Woody Allen ein paar salbungsvolle Worte zu seinen Schauspielern. Warum auch, denn dass sie gut sind, ist für ihn keine Frage. Allen überlegt genau, wen er mit welcher Rolle betraut.

Da Allens Lebensgefährtinnen oft zuvor mit ihm zusammenarbeiteten, ergibt sich der Ausflug ins Privatleben beim Abhandeln der Filmografie von selbst. Gut zu sprechen auf ihn ist dabei vor allem Diane Keaton. Auch der Skandal um das Zusammenkommen mit seiner aktuellen Frau Soon-Yi, der Adoptivtochter seiner damaligen Frau Mia Farrow, bleibt nicht unkommentiert. Doch Richard Weide nähert sich dem New Yorker Regisseur mit unverhohlener Sympathie und Bewunderung für dessen Kreativität und Produktivität. Der Film fasst dessen Leben und Schaffen auch für Neulinge im Woody-Allen-Universum gut zusammen und zeigt, wie sich beides bedingt.

Text: Diemuth Schmidt / Fotos: NFP / B Plus Productions / Courtesy of MGM
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Woody Allen: A Documentary
Genre: Dokumentarfilm
Freigabealter: 0
Verleih: NFP
Laufzeit: 117 Min.