Like A Rolling Stone

„Not Fade Away“ ist eine Hommage. An die Aufbruchsstimmung der 60er-Jahre, den Siegeszug des Rock’n’Roll und all die vergessenen Garagenbands, die damals gegründet wurden. Der Film erzählt eine klassische Coming-of-Age-Story: Doug (John Magaro) will mit seiner Band Twylight Zones seinen großen Vorbildern, den Rolling Stones, nacheifern. Er erlebt die glücklichen und niederschlagenden Momente der ersten großen Liebe, muss seinen Traum, Musiker zu werden, gegen familiäre Widerstände verteidigen. Aber Regisseur und Drehbuchautor David Chase („The Sopranos“) versetzt sich nicht etwa in nostalgischen Bildern in die (eigene) unbekümmerte Jugend zurück. Nein, der Blick des 68-jährigen Kino-Debütanten auf jene Ära zeugt eher von einem späten Verständnis für die damalige Vätergeneration.

Szene mit John Magaro und Bella Heathcote.
Chase bedient mit der etwas vorhersehbaren Handlung und seinen Hauptfiguren fast alle guten Klischees: Denn natürlich wird sich der unscheinbare Lockenkopf Doug, der zunächst am Schlagzeug sitzt, dank seiner Stimme schnell gegen Eugene (Jack Huston) durchsetzen und ihn als Sänger der Twylight Zones ablösen. Natürlich wird sich Grace (Bella Heathcote), die von allen Jungs begehrte Tochter aus besserem Haus, in ihn, den Sohn eines Automechanikers, verlieben, als er zum ersten Mal am Mikrofon steht. Und natürlich wird der aufmüpfig-altkluge Doug zum Unwillen seines Vaters das College hinschmeißen, um in New York seinen großen Traum von der Musikkarriere zu leben.

Trotz all ihrer emotionalen Verwicklungen und Verwirrungen bleibt Chases Blick auf seine jugendlichen Protagonisten, aber auch auf Nebenfiguren wie etwa Grace’ exzentrische Schwester Joy (Dominique McElligott) eher distanziert. Für eine differenziertere Figurenzeichnung lässt sich und bleibt Chase auch kaum Zeit. Denn er belässt es nicht dabei, das Lebensgefühl der 60er-Jahre nur anhand der Coming-of-Age-Story und der Musik zu transportieren. Stattdessen erteilt er immer wieder Lektionen in Zeitgeschichte: die Ermordung von J.F.K., die Folk-Bewegung im Greenwich Village, die schwarze Bürgerrechtsbewegung, der Vietnamkrieg – alles wird kurz gestreift, um ein möglichst vollständiges Bild jener Ära zu zeichnen. Zwischen all den Querverweisen, Figuren und Handlungssträngen lässt er so den Zuschauer etwas verloren zurück.

Szene mit John Magaro.
Um so stärker kann eine starke Figur herausstechen, die keinem Klischee entsprechen mag: Dougs Vater, dargestellt von Chase’ „The Sopranos“-Hauptdarsteller James Gandolfini. In einer seiner letzten Rollen spielt der im Juni verstorbene Schauspieler den Automechaniker Pasquale „Pat“ Damiano, der im ländlichen New Jersey seine eigene kleine Werkstatt besitzt. Jener geht zwar, im Gegensatz zu Mafiaboss Tony Soprano, einer ehrlichen Arbeit nach. Die Parallelen zu Gandolfinis berühmtester Rolle sind jedoch offensichtlich. Er ist der unbestrittene Patron der Familie, vertritt konservative Werte, hat eine Neigung zu spontanen Gewaltausbrüchen. Und dennoch: Pat ist nicht einfach der wütende Vater. Man spürt die Liebe zu seiner Familie – und sogar, dass er, der Kriegsveteran, insgeheim seinen Sohn darum beneidet, ein freieres, selbstbestimmteres Leben führen zu können.

Folglich ist „Not Fade Away“ – trotz seiner Handlung – kein reiner Coming-Of-Age-Film. Sondern eher, auch dank des exzellenten Soundtracks, für den Schauspieler und Musiker Steven Van Zandt („The Sopranos“, E Street Band) verantwortlich zeichnete, und dank James Gandolfini und seiner unglaublichen, nicht nur physischen Präsenz, als Hommage an eine Zeit, in der nicht nur die Jugend ihre Rolle in der Gesellschaft neu definieren musste.

Text: Stefan Weber / Fotos: Paramount
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: überzeugend
Genre: Drama
Freigabealter: 6
Verleih: Paramount
Laufzeit: 113 Min.