Lyrik ist in. Diese Erfahrung hat Deniz Pasaoglu gemacht, als sie vor rund einem Jahr begonnen hat, Gedichte für ein Streetart-Projekt zu sammeln. Genauer gesagt für ihren „Tree of Messages“, einen Holzbaum mit Gedichten, der ab dem 1. Juli auf dem Freiburger Zeltmusikfestival (ZMF) zu sehen ist. 500 Texte hat die 28-jährige Neuenburgerin dafür geschickt bekommen, viele davon von Jugendlichen.

Poetin Deniz Pasaoglu: Angefangen hat alles mit Liebesbriefen auf einem Spielplatz.

 

Being young
is the time of your life
the hell in heaven
and the paradise
in devils home

von Judith R.

 

Alles hat mit einem Bündel Briefe angefangen. Liebesbriefe, herrenlos auf einem Spielplatz. Deniz Pasaoglu, damals zehn Jahre alt, fand die Briefe und war fasziniert: Sie gaben ihr Einblick in die tiefsten Gefühle eines Fremden. Mit der Zeit fing sie selbst an zu schreiben. Keine Liebesbriefe, sondern Gedichte.

 

Es dauerte einige Jahre, bis sie ihre Texte zum ersten Mal Fremden zeigte: Bei einer Ausstellung in der Altstadt-Confiserie Rafael Mutter hingen sie neben ihren Gemälden. Die Reaktionen haben sie überrascht: „Als hätten Sie das nur für mich geschrieben“, „Sie haben meine eigenen Gefühle wiedergegeben“, „Ihre Gedichte haben mich berührt“. Pasaoglu merkte, dass die Poesie es ihr ermöglichte, mit anderen in einen Dialog zu treten.

Der „Tree of Messages“ ist vom 1. bis 19. Juli auf dem ZMF frei zugänglich. Die Workshops für Jugendliche sind am  5. und 12. Juli von 14 bis 17 Uhr.

 

Diesen Dialog will sie mit ihrem „Tree of Messages“, einem türkis bemalten Baum, fortführen. In seiner Krone hängen Ketten, an denen Röhrchen befestigt sind, die mit Gedichten gefüllt werden. An eine Trauerweide soll der Tree erinnern und die Vorübergehenden dazu einladen, eines der Gedichte zu pflücken. Dass stets etwas nachwächst, dafür sorgen Pasaoglu und ihr Team aus fünf Freunden. Sein erster Standort wird auf dem ZMF sein, weitere Festivals oder Messen sollen folgen.

 

Ich bringe es zu Ende,
Dieses Wollen
Dieses Ringen
Dieses Verlangen
In mir
Mit mir
Für mich
Gegen alle Vernunft.

von Marius Geugelin

 

Die Grafikdesign-Auszubildende hat dafür in ihrer Freizeit 500 Gedichte gesammelt und gesichtet. Gedichte von professionellen Schriftstellern, von Bloggern und Hobbydichtern. Und zu einem Großteil von Jugendlichen. „Mir ist bewusst geworden, wie vielen jungen Menschen die Lyrik noch etwas bedeutet, auch in Zeiten von SMS und E-Mails.“ Deswegen sind auf dem ZMF auch zwei Workshops geplant, bei denen Jugendliche zu Feder und Tinte greifen können, um ihre eigenen Gedichte zu Papier zu bringen.

 

Ist man verliebt
gießt man
wie selbstverständlich
die Plastikblumen
im Wohnzimmer
das ist normal, doch dann
blühen sie.

von Safiye Can

 

Wer möchte, kann sein Gedicht dann an den Baum hängen, eine Auswahl trifft Pasaoglu nicht. Nur wenige der eingesendeten Texte haben es nicht auf den „Tree of messages“ geschafft, etwa weil sie gewalttätig oder rassistisch waren. Oder weil sie ausschließlich religiös waren. „Die Menschen, die sich ein Gedicht nehmen, sollen sich nicht angegriffen fühlen“, sagt die 28-Jährige. Dabei findet sie es eigentlich gut, wenn man offen schreibt. Zu oft werde mit Meinungen oder Gefühlen hinter dem Berg gehalten, weil die Menschen Angst hätten. Angst vor dem Chef, Angst vor den Mitschülern, Angst, gemobbt zu werden. „Gedichte überwinden diese Barriere“, ist sich Pasaoglu sicher, „hier traut man sich, Gefühle zu zeigen, die man sonst verborgen hält.“

 

Text: Tanja Bruckert & Foto: © tbr / Grafik: © Tree of Messages

 

Der „Tree of Messages“ ist vom 1. bis 19. Juli auf dem ZMF frei zugänglich. Die Workshops für Jugendliche sind am 5. und 12. Juli von 14 bis 17 Uhr.
www.deniz-pasaoglu.com/projects