Italiener? Insulaner! Das Selbstverständnis der Sarden ist erst einmal ihre Insel, nicht so sehr die politischen Sachen. Alfredo Albano ist kein Insulaner, er ist Römer, aber fast jeden Urlaub im August ist er auf Sardinien. Am Golf von Marinella, ein paar Kilometer südlich von der ebenso eleganten wie teuren Costa Smeralda des Aga Khan, der Smaragdküste, hat er sich ein Apartment geleistet, 300.000 Euro für 50 Quadratmeter, Sardinien ist nicht billig.

So lässt sich leben: In Porto Rotondo lädt die Hafenanlage zum Flanieren –und zum Bootezeigen ein.


Von den wirtschaftlichen Problemen Italiens ist auf der zweitgrößten Insel im Mittelmeer nichts zu spüren. Große, neue Autos, volle Restaurants, Aufsehen erregende Yachten in den herrlichen Portos von Rotondo oder Cervo. „Berlusconi ist ein guter Business-Mann, er hat Politik für Unternehmer gemacht, die zum Beispiel seinen Medien Millionen Euro gebracht haben, aber er ist kein guter Politiker, er hat sich viel, dem Land wenig gebracht“, sagt der Software-Ingenieur Albano. Wir sind auf seinem Boot unterwegs und fahren an der 2600-Quadratmeter-Villa des skandalumwitterten ehemaligen Regierungschefs auf einer Landzunge bei Porto Rotondo vorbei. Hier hat Silvio seine Bunga-bunga-Partys gefeiert. Sie steht zum Verkauf. Preis: 450 bis 470 Millionen Euro.

1,6 Millionen Menschen leben auf Sardinien, eigentlich sind es zwei Bevölkerungen, die Menschen in den Bergen und die an der Küste der 270 Kilometer langen und knapp 150 Kilometer breiten Insel. Die Sarden erzählen gerne, dass Gott, als er die Welt geschaffen hatte, noch etwas ganz Besonderes machen wollte, ein Eiland mit dem Besten aus allen Teilen der Erde: ein bisschen Südsee (Costa Verde, Baia Chia, Costa Rei), ein paar Berge (Punta La Marmora, Bruncu Spina, Monte Limbara), Schluchten (Gola su Gorroppu!), türkisblaues Wasser (fast überall), bizarre Felslandschaften (wer sich auf Sardinien nicht das Capo Testa anschaut, dem muss Natur egal sein), Höhlen (in der Grotta di Ispinigoli steht Europas größter und der Welt zweitgrößter Tropfstein – den normal Sterbliche übrigens nicht fotografieren dürfen), immergrüne Wälder und Weideland – eine göttliche Symbiose.

Ein liebevoller Reiseführer: Alfredo Albano liebt Sardinien.



Von Menschenhand gemacht hingegen sind die kleinen Städte und Dörfer. Santa Teresa am Capo Testa hatte der piemontesische König von Sardinien, Vittorio Emanuele I., ganz am Anfang des 19. Jahrhunderts entworfen – und nach seiner Frau benannt. Er benannte immerhin die zentrale Piazza auf dem Felsplateau nach sich. Pastellfarbene Häuschen, ein einst bedeutender Hafen, von dem aus man in wenigen Minuten auf Korsika ist, ansonsten geizt das Städtchen mit Reizen.

Nicht aber die Küstenstraße, die von hier ins urige Castelsardo führt. Das alte Viertel rund ums Kastell ist autofrei und einfach herrlich. Wer ein romantisches Abendessen mag, dem sei ein Besuch im La Guardiola oben an der Burg empfohlen. Über Sassari, die zweitgrößte Stadt auf Sardinien, geht’s weiter nach Alghero – auf der Nordhälfte sicher die sehenswerteste Stadt. Das alte Viertel ist sehr verwinkelt, immer wieder öffnen sich aber kleine und große Plätze (Piazza Civica), um die sich Bars und Restaurants gruppieren. Auf dem Teller und in der Architektur findet sich hier viel Katalanisches. Nur 300 Seemeilen von Barcelona war das 40.000-Einwohner-Städtchen wohl schon immer mehr zum Meer hin orientiert. Über das lässt sich mit einem der Hafenboote auch die in der Tat sehenswerte, von einer Lagune durchzogene Grotta di Nettuno erreichen – was sich für den empfiehlt, der die 656 Treppenstufen (one way) scheut.

Naturschauspiel: Am Capo Testa hat sich in Jahrhunderten eine bizarre Felslandschaft gebildet.


Etwa in der Mitte der Insel liegt an der Westküste Oristano unweit der großen Ausgrabungsstätte der phönizisch-römischen Stadt Tharros, der einst bedeutenden Hafenstadt, die im 12. Jahrhundert vom Treibsand verschlungen und erst 1851 von englischen Hobbyarchäologen wieder entdeckt worden war. Wer nach der Besichtigung in Oristano übernachten möchte, könnte das Hotel Duomo wählen, ein umgebauter Palazzo aus dem 17. Jahrhundert, in dem der reizende Besitzer Giovanni Fais den Gästen sogar für eine Fahrt zur Werkstatt (nachts abgetretener Außenspiegel) gerne zur Verfügung steht.

Übers Hochland führt die Route nach Nuoro, eine Arbeiterstadt, die wenig Wert auf Pastellfarben und Touristen legt, aber die große Dame Sardiniens beherbergt hat, die einzige Nobelpreisträgerin, Grazia Deledda (1871–1936). Mussolini soll ihr Ende der 20er Jahre angeboten haben, für die Faschisten zu arbeiten, was sie ablehnte. In ihrem schlichten Geburtshaus ist heute ein kleines Museum untergebracht.

Ein paar Tage später fahren wir wieder mit dem Software-Ingenieur aufs Meer und legen am Hafen vom Golfo Aranci an. Das La Capricciosa lädt zu Fisch und einer der besten Pizzen der Insel ein. Danach gibt es einen Mirto, das Nationalgetränk der Sarden. Und noch ein bisschen was über Berlusconi.

Text & Fotos: Lars Bargmann