Melanie ist ein schönes, junges Mädchen mit einem entscheidenden Problem: sie ist übergewichtig. Während ihre Mutter in Kenia Urlaub macht und ihre Tante Anna Maria in christlicher Mission um die Häuser zieht, bereist Melanie ein anderes Universum: die Welt der Kalorientabellen und der Sporterziehung. Zwischen Wiesenwanderungen und nächtlichen Kissenschlachten werden ihre Ferien mit anderen Jugendlichen im Diätcamp zu einer Zeit der Freundschaft. Und der Liebe. Melanie verliebt sich in den um 40 Jahre älteren Camp-Arzt. Sie will ihn in aller Unschuld verführen. Der Doktor begehrt Melanie und versucht dennoch, gegen die Schuld dieser Liebe anzukämpfen. Weiß er doch um ihre Unmöglichkeit. Claus Phillip hat sich mit Ulrich Seidl über seinen Film unterhalten.

Ulrich Seidl
chilli: Sie haben es mit den drei PARADIES-Filmen geschafft, innerhalb eines einzigen Jahres bei allen drei großen Filmfestivals – Cannes, Venedig, Berlin – vertreten zu sein. Was bedeutet das für Sie?
Seidl: Es bedeutet, dass es gelungen ist, mit den drei Filmen Debatten und Kontroversen auszulösen und den Filmen breiten internationalen Raum zu geben. Natürlich macht es mich besonders stolz, dass uns etwas gelungen ist, das bis dato kein Filmschaffender geschafft hat: In Serie, binnen einem Jahr, bei den drei bedeutendsten Festivals der Welt im Wettbewerb vertreten zu sein.

chilli: PARADIES – Wie kam es zu diesem Übertitel für die Trilogie?
Seidl: Das Paradies ist – im biblischen Sinn – die Verheißung eines immerwährenden Glückszustandes und nicht zuletzt ein häufig strapazierter Begriff in der Tourismusbranche, der bei vielen Menschen die Sehnsucht nach Sonne, Meer, Freiheit, Liebe und Sex auslöst. In diesem Sinne steht der Titel für alle drei Geschichten und Filme, weil sich darin drei Frauen auf den Weg machen, ihre unerfüllten Träume und Sehnsüchte Wirklichkeit werden zu lassen.

chilli: Wie könnte man nun mit Blick auf junge Mädchen in einem Diätcamp den Begriff Paradies lesen?
Seidl: Nicht der Ort der Handlung ist als Paradies zu verstehen, sondern – wie auch bei den anderen zwei Filmen – die Sehnsucht danach. Der Film beschreibt die Träume und Wünsche von pubertierenden Mädchen, was die Liebe, das Leben und ihre Vorstellungen von Sexualität anbelangt. Verunsichert durch ihr Übergewicht, glaubt Melanie, die Hauptfigur des Films, dass ihr körperliches Aussehen der Grund des Scheiterns ihrer ersten großen Liebe zu einem Mann ist.

chilli: Körperlichkeit und Schönheit: Was
assoziieren Sie damit?
Seidl: Körperlichkeit spielt bei meinen Filmen immer eine große Rolle. Ich liebe es, hautnahe Bilder zu machen, Menschen in ihrer Physis ungeschminkt zu zeigen. Gerade darin, in dem Ungeschönten, liegt für mich so etwas wie Schönheit. Es geht mir da auch um die Perversität von gesellschaftlichen Zwängen. Was tun Frauen und auch Männer, um mit ihren Körpern gesellschaftlich verordneten Normen zu entsprechen.

chilli: Was stört Sie denn als Filmemacher und Mann an diesen gesellschaftlichen Schönheitsidealen?
Seidl: Ich will mir nicht vorschreiben lassen, was Schönheit ist. Mich stört die Vereinheitlichung eines Schönheitsbegriffes. Mich stört die gesellschaftliche Verordnung dazu und die Verlogenheit daran. Und mich stört ganz besonders, dass dieses Diktat von Leuten und Branchen vorgegeben wird, deren einziges Interesse es ist, damit Geld zu verdienen.

chilli: Liebe, Glaube, Hoffnung – Wie kam es innerhalb der Trilogie zu dieser Reihenfolge?
Seidl: Ich war lange Zeit davon überzeugt, dass Hoffnung , also die Tochtergeschichte, an zweiter Stelle, nach der Muttergeschichte kommen muss. Somit auch der heftigste und schwierigste Film Glaube am Schluss. Eines Tages haben wir dann die Filme anders gereiht angeschaut, nämlich Hoffnung am Schluss, und es war wie ein Befreiungsschlag. Eine Erlösung. Plötzlich hat die Trilogie funktioniert.

chilli: Ihre Drehbücher entwickeln sich meist in Improvisationen am Set: Was bedeutete das für Melanie Lenz und Joseph Lorenz?
Seidl: Das war keine leichte Aufgabe, obwohl beide sehr „professionell“ agierten. Das Verhältnis der beiden zueinander war von Anfang an sehr distanziert, und das hat sich während des gesamten Drehs auch nicht geändert. Ehrlich gesagt war ich darüber wenig erfreut, konnte aber diesen Zustand nicht ändern. Offensichtlich konnten beide nicht anders als durch diese bewusste Distanz zueinander sich selbst schützen. Schließlich mussten sie ja die verbotene Liebe und das verbotene Begehren zwischen einem Mann und einem minderjährigen Mädchen spielen.

chilli: Wie war überhaupt die Arbeit mit den jugendlichen Laiendarstellern?
Seidl: Großartig. Oftmals bleibt man ja nach Dreharbeiten mit einem Unbehagen zurück, weil man überzeugt ist, dass es besser hätte werden müssen. Das war bei der Inszenierung mit den Jugendlichen nicht der Fall. Vielleicht war ich in mancher Hinsicht zu vorsichtig, wissend, dass es eben noch Kinder sind. Und man sollte nicht vergessen: Dem Dreh ist ein lang andauernder Besetzungsprozess für die Hauptrolle des Films vorangegangen. Das hat sich – wie immer – sehr bewährt.

Text: Michaela Moser / Foto: Neue Visionen Filmverleih