Es dauert 23 Jahre, bis der Freiburger Fotograf Klaus Polkowski die Idee hat, ein Freiburg-Projekt auf die Beine zu stellen. Der 50-Jährige kennt sich mittlerweile auf allen Kontinenten aus, aber noch nie hat er die eigene Heimat so im Bild gebannt, wie er es aktuell macht. Inszenierte Schnappschüsse. Die ersten gibt es exklusiv im chilli.

Schnappschüsse:  Nein, das ist keine Szene aus einem Kriegsland, sondern aus der Flüchtlingsunterkunft St. Christoph an der Freiburger Messe. Die ersten Bilder des Freiburg-Projekts setzen das Martinstor, die Fischerau, eine Bächle-Überquerung im Gegenlicht und den Aufbau des Zirkuszelts in Szene (r. von oben). Das Bild von Polkowski mit der Hasselblad haben indes Touristen auf der Brooklyn Bridge in New York City geschossen.

 

Polkowski wuchs in Bad Säckingen auf, ging dann nach Berlin und lernte Krankenpfleger. Eines Tages lernte er im indischen Kalkutta einen Gary kennen. Der war Fotograf, hatte eine Hasselblad im Arm und fragte den jungen Mann, ob nicht er in dem Sterbeheim, wo Polkowski damals arbeitete und Gary nicht fotografieren durfte, ein paar Aufnahmen machen könne. Polkowski fragte bei der Ordensschwester, ob er ein paar „Erinnerungsbilder“ schießen dürfe – er durfte. Mit seiner ersten Nikon. Die acht Filmrollen gab er Gary.

Schnappschüsse:  Nein, das ist keine Szene aus einem Kriegsland, sondern aus der Flüchtlingsunterkunft St. Christoph an der Freiburger Messe. Die ersten Bilder des Freiburg-Projekts setzen das Martinstor, die Fischerau, eine Bächle-Überquerung im Gegenlicht und den Aufbau des Zirkuszelts in Szene (r. von oben). Das Bild von Polkowski mit der Hasselblad haben indes Touristen auf der Brooklyn Bridge in New York City geschossen.

 

Eines Tages 1992 rief Gary an und lud den jungen Hobbyfotografen nach London ein. Polkowski stieg am Flughafen ins Taxi und stand dann vor einem riesigen Gebäude in der City. „Ich will zu Gary, das ist so ein Freak, der wohnt sicher nicht hier“, sagte er zum Taxifahrer. „Ja, Gary, der hat hier sein Atelier, Gary Woods.“ Mithin Anfang der 90er einer der angesagtesten Schwarz-Weiß-Fotografen überhaupt, der im Oktober 1992 sein Mother-Teresa-Buch herausgab. In der Ausstellung zum Buch hingen auch ein paar Bilder von Polkowski, der sich in seinen abgewetzten Jeans inmitten der Künstler- und Reichen-Society irgendwie deplatziert vorkam. Aber die Faszination für die Fotografie wurde er danach nie mehr los.

Schnappschüsse:  Nein, das ist keine Szene aus einem Kriegsland, sondern aus der Flüchtlingsunterkunft St. Christoph an der Freiburger Messe. Die ersten Bilder des Freiburg-Projekts setzen das Martinstor, die Fischerau, eine Bächle-Überquerung im Gegenlicht und den Aufbau des Zirkuszelts in Szene (r. von oben). Das Bild von Polkowski mit der Hasselblad haben indes Touristen auf der Brooklyn Bridge in New York City geschossen.

 

Von Berlin zog Polkowski noch im gleichen Jahr nach Freiburg und meldete sich beim Kunstmarkt in der Oberen Altstadt an. An drei Tagen verkaufte er Bilder für 2000 Mark. Spätestens hier war klar, was Klaus werden wollte. Und wenig später hatte auch er eine Hasselblad im Arm. Ein paar Wochen später fotografierte Polkowski auf dem 50. Geburtstag von Heiner Sannwald, der damals das Pianohaus Lepthien leitete – und lernte dort den ZMF-Gründer Alex Heisler kennen. Seither ist Polkowski auch Festivalfotograf.

Schnappschüsse:  Nein, das ist keine Szene aus einem Kriegsland, sondern aus der Flüchtlingsunterkunft St. Christoph an der Freiburger Messe. Die ersten Bilder des Freiburg-Projekts setzen das Martinstor, die Fischerau, eine Bächle-Überquerung im Gegenlicht und den Aufbau des Zirkuszelts in Szene (r. von oben). Das Bild von Polkowski mit der Hasselblad haben indes Touristen auf der Brooklyn Bridge in New York City geschossen.

 

In diesen Tagen tourt er für seine Auftraggeber wieder durch die ganze Republik. Ganz vorbei an der Farbfotografie kommt er dabei nicht, aber die Liebe gehört dem Schwarzen und dem Weißen. Und so wird auch das Freiburg-Buch, für das sich Polkowski zwei Jahre Zeit lassen will („zwei Mal jede Jahreszeit, das brauch ich einfach“) ein Schwarz-Weiß-Buch werden, mit knapp 200 „inszenierten Schnappschüssen“, wie er es nennt. „Das wird kein Touristenbildband, sondern ein Buch für die Freiburger, die ihre Stadt und auch ihre Menschen so sehen werden, wie sie sie noch nie gesehen haben“, sagt er und zieht an der Zigarette im kleinen Lokhallen-Park. Qualitativ hochwertig, großformatig, 59 Euro das Stück, 3333 wird es geben. Ein visuelles Tagebuch des Künstlers. Allein der Druck kostet 50.000 Euro. Vielleicht der Auftakt für eine lose Reihe, die in den nächsten 20, 30 Jahren ein paar Mal erscheinen wird.

Schnappschüsse:  Nein, das ist keine Szene aus einem Kriegsland, sondern aus der Flüchtlingsunterkunft St. Christoph an der Freiburger Messe. Die ersten Bilder des Freiburg-Projekts setzen das Martinstor, die Fischerau, eine Bächle-Überquerung im Gegenlicht und den Aufbau des Zirkuszelts in Szene (r. von oben). Das Bild von Polkowski mit der Hasselblad haben indes Touristen auf der Brooklyn Bridge in New York City geschossen.

 

192.000 Postkarten mit 20 Freiburg-Motiven hat er unlängst bei einer Druckerei in Kollnau gedruckt, auf der Frankfurter Buchmesse wird er mit denen einen eigenen, kleinen Stand haben. Der Mann, der mittlerweile zehn Kameras sein Eigen nennt und gerade wieder eine neue auf seiner Wunschliste hat, will das Authentische einfangen, die Realität nicht verändern. Seine Portraits haben längst einen rahmenlosen Freundeskreis: Alice Cooper, Chris de Burgh, Klaus Maria Brandauer, Maceo Parker, Dave Brubeck, Al Jarreau, Hot Chocolat, Juliette Gréco, Nina Hagen, Ben Becker, James Brown, Loriot, Brian Ferry – die Liste der Eingefangenen ist eigentlich beliebig lang. Eins von Gary Woods fehlt noch.

 

Text: Lars Bargmann & Fotos: © Klaus Polkowski